Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.01.2016


Exklusiv

Denkmalschutz der Südtiroler Siedlung entzweit die Reuttener

BM Alois Oberer geht rechtlich gegen die Unterschutzstellung vor, Bauausschussobmann Ernst Hornstein wünscht sich die Erhaltung.

© MittermayrWandmalereien und Erker mit Runenzeichen schmücken Reuttes Südtiroler Siedlung.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Mitten im Zentrum Reuttes entstand Anfang der 1940er-Jahre eine Südtiroler Siedlung – wie in 20 anderen Tiroler Orten auch. Die Südtiroler mussten sich damals entscheiden, ob sie unter den Bedingungen des italienischen Faschismus in Südtirol bleiben oder ins Deutsche Reich auswandern wollen. Viele wählten die Option Auswandern, für sie wurden die Siedlungen errichtet. 75 Jahre später ist der Ortsteil in Reutte mit 20.000 Quadratmeter Fläche und fast 200 Wohnungen auch eines: eine im Besitz der Gemeinde befindliche, zentral gelegene Liegenschaft, die viele Entwicklungen zuließe, wenn sie nicht unter Denkmalschutz gestellt wäre.

Denn 2011 hat das Bundesdenkmalamt für die Reuttener Südtiroler Siedlung samt Außenanlagen diesen Schutz ausgesprochen. Die Marktgemeinde hat den Bescheid im gesamten Umfang angefochten und Berufung eingelegt. „2015 haben wir vom Bundesdenkmalamt einen Brief bekommen, dass jetzt mit der Bearbeitung begonnen wird. Nach vier Jahren Liegezeit“, wundert sich Bürgermeister Alois Oberer. Für ihn ist die Siedlung kein charakteristischer Siedlungstyp Tirols. Auch die Wandmalereien des Malers Carl Heinrich Walther Kühn seien trivial und nicht erhaltenswert. Es liege keineswegs im Interesse Reuttes, nationalsozialistisches Gedankengut unter Schutz zu stellen und vielleicht damit indirekt zu dulden. Unverständlich für ihn auch, dass eine Teilunterschutzstellung ausgeschlossen wird – so ein Auszug aus den Stellungnahmen der Gemeinde. Der Bürgermeister weiter: „Die Marktgemeinde ist im Besitz von mehr als 20.000 m2 wertvoller Grundfläche mitten im Zentrum und sie möchte nicht durch Auflagen des Denkmalamtes in ihrer künftigen örtlichen Weiterentwicklung behindert werden.“

Bauausschuss- und Museumsvereinsobmann Ernst Hornstein denkt völlig anders. Er möchte so viel wie möglich auch weiterhin unter Denkmalschutz gestellt wissen. Eine Diplomarbeit, die bald als Buch herausgegeben werde, habe die Bedeutung der Siedlung erneut gezeigt. „Im Gegensatz zu anderen Südtiroler Siedlungen in Tirol ist die Reuttener noch unverfälscht, ja einzigartig.“ Bei Museumsvereinsführungen sei ein Besuch selbstverständlich: „So viel Besonderes haben wir bis auf Zeiller in Reutte auch nicht herzuzeigen.“

Der Unternehmer fragt auch nach der Alternative: „Gewerbe siedelt schon lange keines an. Und um weiteren Wohnraum zu schaffen, brauchen wir die Flächen nicht. Reutte hat Unmengen davon, gerade im freiwerdenden Linz-Textil-Areal. Dort passen 2000 Leute rein.“ Die meisten Blöcke, die in letzter Zeit entstanden seien, sind für Hornstein zwar moderner Wohnbau, aber alles andere als herzeigenswert: „So etwas kann doch niemand ernsthaft anstatt der Südtiroler Siedlung wollen.“