Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.02.2016


Exklusiv

Hilfe der Eltern bei Aufgaben kann kontraproduktiv sein

Es bringt nichts, die Kinder wegen der Hausaufgaben ständig unter Druck zu setzen. Doch was tun, wenn der Nachwuchs nicht will oder kann?

Die Leistungen der Kinder hängen oft von der Bildung der Eltern ab: Aber zu viel elterliches Engagement bei den Aufgaben kann auch schaden.

© iStockDie Leistungen der Kinder hängen oft von der Bildung der Eltern ab: Aber zu viel elterliches Engagement bei den Aufgaben kann auch schaden.



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Erst Ende Jänner musste in der deutschen Stadt Kaiserslautern die Polizei ausrücken, weil eine Neunjährige so laut schrie, dass die Nachbarn glaubten, das Kind werde misshandelt. Dabei hatte das Mädchen nur seine Verzweiflung über die Hausaufgaben ungewöhnlich lautstark kundgetan.

Die Neunjährige ist nicht allein mit dem Problem. Doch bei den meisten Schülern führt das eher zur Verweigerung und zum Hinauszögern. Weshalb die Eltern dann ab und zu ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen und den Druck erhöhen.

Eine Schweizer Studie, bei der 1700 SchülerInnen und Eltern befragt wurden, hat nun ergeben, dass sowohl elterlicher Druck als auch zu engagierte Hilfe nicht unbedingt zur Leistungssteigerung beim Nachwuchs führt. Im Gegenteil: Die Leistungsentwicklung jener Kinder, die ihre Aufgaben selbstständig machten, fiel besser aus als bei jenen, denen die Eltern oft halfen. Wenn sich die Eltern möglichst wenig einmischen, aber dennoch als Unterstützung zur Verfügung stehen, wenn es das Kind wünscht, sei das am besten, fand Erstautorin Sandra Moroni von der Pädagogischen Hochschule in Bern heraus.

Das kann auch der Leiter des Instituts für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Uni Innsbruck, Michael Schratz, bestätigen. Anstatt die Kinder wegen der Hausaufgaben ständig zu nerven, sollten Eltern dem Nachwuchs Mut zusprechen. Das mache Sinn, selbst wenn man nicht die fachliche Kompetenz habe, direkt zu helfen. „Weil die Kinder so erleben, dass sie ernst genommen werden“, sagt Schratz.

„Wir müssen endlich weg von der negativen Fehlerkultur“ – in der Schule wie auch zu Hause. Sie ist für den Schulforscher auch der Grund, warum die Wiederholung einer Klasse meist nicht zur Leistungssteigerung beim Sitzenbleiber führe, wie das die aktuelle PISA-Studie diese Woche ergeben hat. Die Botschaft „Wer zu viele Fehler macht, wird bestraft“ entmutige nur. Dabei sind Fehler ja Hinweise darauf, wo das Lernen ansetzen muss“, spricht sich Schratz für eine positive Fehlerkultur aus.

Deshalb rät er: „Wenn das Kind Schwierigkeiten mit der Lösung der Aufgabe habe, mache es Sinn, Kontakt zum Lehrer aufzunehmen“, rät Schratz. Und es sei durchaus möglich, auf Lernhilfe aus dem Internet zurückzugreifen. Das entspreche der Lebenswelt der Jungen und dort gebe es inzwischen gut erklärte Lösungen für fast jede Aufgabenstellung.

Davon, die Hausaufgaben ganz abzuschaffen, weil sie die Guten besser und die Schwachen schwächer machen, hält Schratz nichts. „Aufgaben sind zur Vertiefung des Stoffs da und daher auch notwendig.“ Allerdings sollten die Übungen auch für den Schüler Sinn ergeben und nicht nur ein stupides Wiederholen sein. Stattdessen sollten die Aufgaben zum Sel­ber­denken auffordern.

Für Schratz wären ganztägige Schulformen mit kompetenter Lernbegleitung die Lösung des Problems. Und nur das stelle auch Chancengleichheit her, egal woher die Eltern kommen oder was sie können.