Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.05.2016


Bezirk Reutte

„Lärmterror startet von 0 auf 100“

Der Sommer ist da und mit ihm Pulks von Motorradfahrern. Die Anrainer im Tannheimer, Namloser und Bschlaber Tal leiden seit Jahren unter dem Lärm der dröhnenden Motoren. Sie fordern Taten der Politik.

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© Erwin Kathrein



Von Simone Tschol

Pfafflar – Strahlend blauer Himmel und traumhafte Temperaturen: Das Wochenende stimmte nicht nur auf den Sommer ein, sondern lieferte Anrainern der beliebten Motorradstrecken im Bezirk auch gleich einen Vorgeschmack auf das, was sie in den nächsten Monaten erwartet: die Dauerbeschallung durch dröhnende Motoren PS-starker Zweiräder.

„Der Lärmterror startet immer von null auf 100. Und das kommende Wochenende mit dem Fronleichnamstag gibt die totale Katastrophe, wenn das Wetter schön ist“, meint Klaus Perl aus Bschlabs. Wovon er spricht, verdeutlichen die Zahlen einer mobilen Verkehrszählstelle des Landes auf der Imster Seite des Jochs. Dort betrug das Gesamtverkehrsaufkommen am Fronleichnamstag des Vorjahres 5800 Kraftfahrzeuge. Der Anteil der Motorräder schlägt sich mit knapp 70 % nieder. Das Land weist jedoch dezidiert darauf hin, dass es sich dabei um einen absoluten Spitzentag handelte. Betrachte man die Monate Juni bis September 2015, so werde sichtbar, dass sowohl der Verkehr mit durchschnittlich zirka 2450 Kfz pro Tag, aber auch der Anteil der Motorräder mit ca. 40 % geringer ausfalle.

Perl wohnt mitten in Bschlabs und ist stocksauer. „Hier wäre einmal die Politik gefordert. Es kann doch nicht sein, dass man nur sagt, ‚da kann man nix tun‘. Natürlich profitieren die Wirte davon. Aber das geht zu Lasten der Gesundheit der anderen Bürger. Und im Übrigen lebt der Wirt in Gramais auch, obwohl dort keine Straße ins Inntal führt.“

Perl will den Verkehr nicht zur Gänze ausgesperrt wissen: „Um das Lärmproblem zu lösen, müssten die Maschinen leiser werden. Da die Chancen dafür aber eher schlecht stehen, könnte man zumindest vom ersten bis zum letzten Haus in Pfafflar einen 50er verordnen. Das würde schon viel helfen. Der Motorradlärm ist nämlich ein ganz eigener, der tut richtig weh, besonders wenn die Maschinen so hochtourig gefahren werden.“

Für Perl wiegt aber nicht nur die Lärmbelastung schwer. Die Motorräder seien auch eine große Gefahrenquelle. „Im Gegensatz zum Lechtal gibt es bei uns keine parallel zur Straße verlaufenden Wirtschaftswege. Unsere Bauern müssen mit ihrem Traktor immer auf die Straße und sich dabei jedes Mal fürchten, dass ihnen einer reinknallt. Auch mit dem Pkw ist es echt gefährlich.“ Perl, der vor wenigen Jahren das Haus seiner Eltern übernommen hat, hat inzwischen auch den Plan, dort Ferienwohnungen einzurichten, verworfen: „Der Lärm ist doch für eine Naturparkgemeinde keine Werbung, um Gäste anzuziehen.“

Aber nicht nur in Bschlabs, auch in den Gemeinden des Tannheimer Tales, im Lechtal sowie entlang der Route Namlos – Berwang werden die Stimmen immer lauter, die Politik und Behörden auffordern, endlich aktiv zu werden und mit einem guten Konzept auf den zunehmenden Motorradverkehr und die damit einhergehende Belastung für die Bevölkerung zu reagieren.

Laut BH Konrad Geisler hat es bereits erste Gespräche mit Bürgermeistern der „Hotspot-Gemeinden“ gegeben. „Ich bin gegen generelle Fahrverbote. Tempolimits einzuführen, die nur für Motorräder gelten, ist auch nicht zweckmäßig.“ Motorräder seien prinzipiell lauter als Autos, selbst wenn sie sämtliche gesetzlichen Bestimmungen und Grenzwerte einhalten. Lärmmessungen der Polizei hätten nur bei einem geringen Prozentsatz Übertretungen ergeben. Genau das stößt dem Tannheimer Bürgermeister Markus Eberle, selbst passionierterr Motorradfahrer, sauer auf: „Es kann doch nicht sein, dass eine Ducati mit 110 Dezibel durchs Tal brettern kann, nur weil es so im Typenschein steht, und ein Heugebläse, das zweimal im Jahr mit 40 Dezibel läuft, ein Problem darstellt. Wo ist da die Politik? Wer segnet so einen Schwachsinn ab?“

Der Ausweg aus dem Dilemma bleibt verborgen. Geisler: „Ich fühle mich derzeit nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Wir werden aber an bestimmten Streckenabschnitten nachbessern. Wie auf der B 179. Dort versucht man auch im Rahmen der Fernpassstrategie, mit Einzelmaßnahmen eine Erleichterung zu erwirken.“