Letztes Update am Mi, 26.10.2016 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Jeder ist ein Experte in Sachen Liebe“

Veit Lindau ist Bestsellerautor, berät namhafte Unternehmen und hat 125.000 Facebook-Follower. Am 27. November spricht der Deutsche in Kufstein über die Liebe.

© Vanmey PhotographyVeit Lindau.



Veit, du möchtest von deinem Publikum nur mit dem Vornamen angesprochen werden und duzt auch deine Leser. Welches Kalkül steckt dahinter?

Veit Lindau: Kein Kalkül, sondern mein persönliches Gefühl. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die höfliche Anrede „Sie“ Distanz aufbaut, und dass ich mit einem respektvollen „Du“ den wahren Kern eines Menschen ansprechen kann. Außerdem bleibt man leichter auf Augenhöhe. Ich will niemanden belehren, sondern Erfahrungen teilen.

Wenn man über Veit Lindau recherchiert, stößt man auf verwirrend viele Berufe. Welche Bezeichnung empfindest du selber als richtig?

Lindau (lacht): Es gibt mehrere Tätigkeitsfelder, weil ich erst eine Menge Dinge lernen und ausprobieren musste, um schließlich der zu werden, der ich heute bin. Das ist doch bei allen Menschen so. Man wünscht sich ja nicht als Kind, später mal Therapeut oder Coach zu werden. Ich wollte den großen Fragen nachgehen und habe versucht, die besten Lehrer dafür zu finden. Nebenher habe ich auch Mist gebaut und Fehler gemacht. Das gehört unverzichtbar dazu. Und meine liebste Berufsbezeichnung wäre heute „Menschenlehrer“. Das kann nämlich jeder von uns sein. Ob du ein Papier von der Straße aufhebst, spontan jemandem hilfst oder einem Kind vorliest – ein Menschenlehrer gibt positive Beispiele, wie man es auch machen könnte. Das versuche ich in meiner Arbeit zu verwirklichen. Ich gebe immer nur das weiter, was ich selber bereits als hilfreich und wertvoll erfahren habe. Keine Theorien, sondern Lebenspraxis.

Kommen wir zu deinem Seminar in Kufstein. Ist es nicht ein wenig vermessen, sich ein derart großes und umfassendes Thema wie die Liebe vorzunehmen?

Lindau: Wenn ich theoretisch über die Liebe philosophieren und referieren möchte, dann ja. Denn an den passenden Formulierungen dafür sind schon weit größere Geister gescheitert. Wenn wir jedoch ganz konkret und geerdet an das Thema herangehen und uns fragen, wie wir die Liebe in all ihren Facetten wahrnehmen, spüren und leben können, ist es nicht mehr so schwierig. Jeder Mensch ist doch ab dem ersten Atemzug ein Experte in Sachen Liebe! Wir wissen ganz genau, was uns nährt und aufblühen lässt; was und wen wir brauchen, um vollkommen eins mit allem und glücklich zu sein. Aber später verlernen wir, auf unsere Gefühls- und Körper-Signale zu achten, und rennen aufgepfropften Illusionen nach, wie Liebe und Beziehung zu sein und zu funktionieren hat. Da liegt der Knackpunkt, den wir gemeinsam angehen werden.

Also sind Beziehungen der Schlüssel und Gradmesser für die Liebe?

Lindau: Ja, genau. Und das gilt für alle Formen von Beziehungen – nicht nur zwischen zwei Partnern. Die gleichen Mechanismen wirken ja auch in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und lassen sich weiter ausdehnen, bis zur universellen Liebe. Dabei kann ich jedem spirituell arbeitenden Menschen nur raten, seine engsten Beziehungen als Prüfstein für die eigene Reife und geistige Entwicklung zu sehen. Ich selber hatte in meiner Jugend mal eine Phase, in der ich mich für erleuchtet gehalten habe, bloß weil ich ein paar gnadenvolle Einblicke in die Vollkommenheit des Lebens geschenkt bekam. Aber schnell musste ich realisieren, dass ich meine irdischen Hausaufgaben noch nicht gemacht hatte. Keine Verantwortung übernehmen wollte. Mich nicht an eine Sache oder Menschen hingeben konnte. Für nichts richtig brannte. Es war grauenhaft. Andrea hat mich wieder zu mir selbst zurückgeführt.

Wenn man deine Bücher und Interviews betrachtet, ist deine Frau Andrea immer gegenwärtig, und ihr erzählt auch sehr offen von eurer Beziehung. Wie viel Anteil hat Andrea am großen Ganzen?

Lindau: Als wir uns kennen gelernt haben, sah ich mich selber als einsamen Wolf und wilden Rebellen. Andrea bemerkte ganz andere Seiten an mir. Aber sie blieb, bis ich meine Wurzeln wiederfand; sie hat mich geerdet, und gleichzeitig permanent herausgefordert, an meine wahre Kraft zu kommen. Inzwischen sind wir schon ein halbes Leben lang zusammen, und die künstliche Abgrenzung zwischen mir und ihr hat sich aufgelöst. Ich erfahre uns immer tiefer als ein großes „Wir“. Bis auf die Augenblicke, wenn wir uns erbittert streiten. Das kommt auch heute noch vor. Aber das sind zugleich Aufrufe, uns wieder stärker umeinander zu kümmern.

Was hat dich veranlasst, der herrschenden Ratgeber-Flut auf dem Buchmarkt einen weiteren hinzuzufügen?

Lindau: Ganz einfach: Das Schreiben hilft mir, das Wörter-Chaos in meinem Hirn zu bändigen und meine Erfahrungen konzentriert und für andere nachvollziehbar auszudrücken. Denn Ratgeber alleine nützen ja nichts. Viele Menschen lesen so viel und sind trotzdem noch keinen Schritt weitergekommen. Der Knackpunkt ist: Man muss auch was tun! Deshalb verstehe ich meine Bücher und Vorträge nicht als Ratgeber, sondern als Wachrüttler, Fragen-Steller und Umsetzungs-Trainer. Sie fordern nicht jemanden, sondern dich auf, aktiv zu werden, neue Ansätze zu finden und zu spüren, was alles machbar ist.

Das Interview führte Thomas Weninger




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