Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 31.10.2016


Exklusiv

Unnötig zum Patienten gemacht

Experten diskutieren seit Jahren über Vor- und Nachteile der Früherkennung. Unbestritten ist, dass es Überdiagnosen gibt. Umstritten ist deren Zahl.

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Von Gabriele Starck

Innsbruck – Überdiagnosen sind ein heikles Thema, das ungern öffentlich diskutiert wird, dafür im Hintergrund umso intensiver. Und es ist ein Glaubenskrieg, der keinen Sieger findet, weil die Wahrheit aus moralischen Gründen nicht herauszufinden ist.

Rückblick in die 1990er-Jahre: Damals wurde in Tirol zur Prostatakarzinom-Früherkennung das PSA-Screening groß aufgezogen. Jeder Mann braucht seinen PSA-Wert, lautete die Devise. Die Zahl der Krebsdiagnosen stieg extrem an. „Was man damals nicht wusste: Durchs flächendeckende PSA-Screening wurden viele Karzinome entdeckt, die eigentlich keiner Therapie bedurft hätten“, sagt Wolfgang Horninger, Chef der Innsbrucker Uni-Klinik für Urologie. Die durchs Screening zu Patienten gewordenen Männer hätten bis zu ihrem Tod ihren Krebs nicht einmal bemerkt.

Durch diese Überdiagnosen – also Erkrankungen, die zu Lebzeiten nie Probleme machen – kam es zu Übertherapien mit allen Nebenwirkungen, von der psychischen und physischen Belastung durch Diagnose und Therapie bis zur – im schlimmsten Fall beim Prostatakrebs – Inkontinenz und/oder Impotenz.

Deshalb sei man vom Massenscreening wieder abgekommen, sagt Horninger. Screenings ganz abzulehnen, davon hält Horninger aber auch nichts. Denn eines zeige sich schon: Bei den Kollegen, die PSA-Tests ablehnen, hätten jetzt wieder mehr Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose einen bereits metastasierten Tumor. Deshalb sei der richtige Weg, dass der Arzt den Mann individuell berät, ihn ganz offen über Vor- und Nachteile aufklärt und ihn dann selbst entscheiden lässt, einen PSA-Test durchführen zu lassen oder nicht, betont Horninger.

Erst vor Kurzem kam das Thema Überdiagnose und Überbehandlung bei einer Konferenz am MCI zur Sprache. Auch die Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin hatte dazu schon Expertenmeetings. Und im November findet in Vorarlberg eine Veranstaltung des Arbeitskreises für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) statt, die sich „an Ärzte, die in der Gesundheitsprävention Gesunde beraten“ richtet. Dort sollen laut aks-Präsident und Gynäkologe Hans Concin die Vorteile und Risiken des Screenings sachlich und emotionslos dargelegt werden: „Unsere Ärzte sollen sich eine Meinung bilden können.“

Zahlen, wie viele Menschen von Überdiagnosen betroffen sind, lassen sich nur statistisch überschlagen. Bei Brustkrebs etwa schwanken die Schätzungen zwischen 2 und 30 Prozent. Bei der Prostata liegen die Zahlen höher. Durch wissenschaftliche Studien zu belegen, wo die Wahrheit liegt, geht nicht. Denn das hieße, einem Teil der Menschen mit Krebsdiagnose die Behandlung zu verweigern, um festzustellen, ob sich der Tumor irgendwann auf ihr Leben auswirkt oder es gar beendet, erklärt der Direktor der Gynäkologie in Innsbruck, Christian Marth. Die einzigen realen Zahlen, auf die man zurückgreifen könne, seien daher Studien an bereits – nicht an Krebs – Verstorbenen: Diese Autopsien hätten gezeigt, dass von den über 60-Jährigen 40 Prozent Prostatakrebs hatten, bei den über 80-Jährigen waren es sogar 60 Prozent.

Beim Brustkrebs sah es besser aus: Bei 1,3 Prozent der weiblichen Leichen fand sich ein Mammakarzinom, bei neun Prozent Vorstufen davon. „Zwei Prozent Überdiagnosen sind daher bei Brustkrebs plausibel“, sagt Marth. Solange man nicht feststellen kann, wie sich der Tumor entwickeln wird, hält er die Mammographie für absolut sinnvoll, und das aus Erfahrung. „Ausnahmslos alle Patientinnen, die eine Therapie abgelehnt hatten, sind später mit Problemen wiedergekommen“, warnt er. Deshalb wäre für ihn sogar die Rückkehr zur jährlichen statt jetzt zweijährlichen Mammographie akzeptabel.

Umstritten ist aber auch, ob Früherkennung Leben rettet oder ob sie nur den Zeitraum des Lebens mit der Diagnose Krebs verlängert. Für Concin ist die real gesunkene Todesrate bei Brustkrebs zum Großteil auf den medizinischen Fortschritt bei der Behandlung zurückzuführen. Nur ein Bruchteil profitiere von der Früherkennung. Der Chef der Epidemiologie der tirol kliniken, Willi Oberaigner, will das so nicht gelten lassen. Von den Frauen, die beim Screening waren, würden 25 Prozent weniger sterben, sagt der Statistiker. Davon abgesehen ermögliche ein frühes Krebsstadium auch eine schonendere Therapie.