Letztes Update am Mo, 23.01.2017 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Spendenaktion

Das Haus der Güte für Pflegekinder in Moldau

Dank Spenden der TT-Leserschaft konnte in der Republik Moldau ein Haus für Pflegekinder finanziert werden. In einem Land ohne Perspektive ist das ein Ort der Hoffnung. Ein Lokalaugenschein.

Freude pur: Norbert Adlassnigg (TT-Marketing-Chef), Mama Diamanta, Carolina, Catalina, Parascovia, Gheorghe, Catalin, Papa Ion, Otilia Sirbu (Concordia Moldova) und Rainer Stoiber (Concordia Wien) (v.l.n.r.)

© WittingFreude pur: Norbert Adlassnigg (TT-Marketing-Chef), Mama Diamanta, Carolina, Catalina, Parascovia, Gheorghe, Catalin, Papa Ion, Otilia Sirbu (Concordia Moldova) und Rainer Stoiber (Concordia Wien) (v.l.n.r.)



Von Marco Witting

Cahul – Man denke hier nicht an morgen. Man lebe im Heute. Doch das, was Concordia-Mitarbeiterin Ludmila Jardan damit ausdrücken will, hat nichts mit einem Kalenderspruch oder Sozialromantik zu tun. In der Republik Moldau ist diese Aussage bittere, beinharte Realität. Tagtäglich. Im Hier und Jetzt leben heißt nämlich: genug zu essen zu haben. Vielleicht auch eine warme Stube. Und an morgen denken nur wenige – und wenn, dann ist da oft der Wunsch darin verpackt, das Land zu verlassen. Die Republik Moldau ist ein Land der fehlenden Perspektive. Doch genau in diesem Land haben die TT-Leser (die Aktion startet vor mehreren Monaten) mit ihren Spenden einen kleinen Ort der Hoffnung geschaffen. Ein Zuhause für sieben Kinder. Ein Haus der Güte. Ein Lokalaugenschein.

Schon nach wenigen Wochen fühlen sich die Kinder, ob ganz kleine oder größere, sehr wohl im TT-Haus der Güte.
Schon nach wenigen Wochen fühlen sich die Kinder, ob ganz kleine oder größere, sehr wohl im TT-Haus der Güte.
- Witting

Drei Stunden dauert bei Schneefall die Fahrt von der Hauptstadt Chisinau zum TT-Haus nach Cahul. Die Stadt im Südwesten des Landes wirkt unscheinbar, ein wenig trist. Auf einem kleinen Hügel, ganz am Ende der schneebedeckten Straße liegt das Haus, das durch die Spenden der TT-Leserschaft und in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Concordia angeschafft werden konnte. Casa Bunatatii, übersetzt Haus der Güte, steht vorne auf einem kleinen Schild. Pflegemutter Diamanta wird später erklären, dass sie gar nicht wisse, wie der Name zustande gekommen sei, dass sie ihn aber „sehr mag“.

Auch dieser kleine Bewohner hat im TT-Haus ein neues Zuhause gefunden.
Auch dieser kleine Bewohner hat im TT-Haus ein neues Zuhause gefunden.
- Witting

Doch da haben die Kinder des Hauses, sieben an der Zahl, längst das Kommando übernommen. Zuerst, als sie dick eingemummelt vor dem Haus für ein Foto posieren, noch schüchtern. Als sie dann am Küchentisch bei Kakao und Keksen dann buchstäblich auftauen, gibt’s aber kein Halten mehr. Es wird gespielt. Gelacht. Und gibt keine Berührungsängste, was auch die erfahrenen Helfer von Concordia überrascht. Schließlich haben die Kinder eine schwere Zeit hinter sich.

Nach schweren Zeiten gibt es jetzt für die Kinder neue Hoffnung.
Nach schweren Zeiten gibt es jetzt für die Kinder neue Hoffnung.
- Witting

„Wir haben hier die Möglichkeit, fünf Geschwister unterzubringen, die sonst nicht zusammenbleiben hätten dürfen“, erklärt Otilia Sirbu, Chefin von Concordia in der Republik Moldau. Über den Vater der fünf Kinder weiß man wenig. Die Mutter trank, gab den Kindern nicht genug zu essen. Man entzog der Frau die Kinder, brachte sie in die Obhut von Concordia – wo jetzt Diamanta und Ion, ein älteres Ehepaar, das seit Jahren Pflegekinder bei sich hat, auf die Kinder schauen. Seit dem 24. Dezember ist das Haus bezogen. An den örtlichen Standards gemessen ist es ein wundervolles Zuhause. Das spürt man auch. Die Kinder haben extra aufgeräumt und nennen das Haus schon Casa Mama. Es gibt ein Vierbettzimmer und mehrere Zweibettzimme­r, eine Küche, eine große Couch samt Fernseher im Vorraum. Draußen noch ein wenig Grund, damit im Sommer dann auch viel Platz zum Spielen ist. Die Pflegeeltern nennen die Kinder bereits Oma und Opa. Man spürt, die Kinder (vom Baby bis zum 13-Jährigen) fühlen sich wohl.

Winzig klein, schimmelig und teuer: das Haus von Alinas Familie.
Winzig klein, schimmelig und teuer: das Haus von Alinas Familie.
- Witting

Für die fünf Geschwister war das Haus, die Hilfe aus Tirol, ein absoluter Glücksfall. Ganz besonders lebhaft ist dabei Catalin. Der Neunjährige ist ganz vernarrt in die Spiegelreflexkamera und möchte am liebsten die gesamte Familie knipsen. Bei all dieser Lebensfreude bemerkt man kaum: Catalin hat Hörprobleme und kann nur dank eines von Concordia organisierten Implantats etwas hören. Auf Schulbildung wird im Haus jetzt großer Wert gelegt. Und im Frühjahr, wenn der Schnee dann weg ist, dann will man ein Gartenhaus errichten und Gemüse anbauen. Spenden dafür sind übrigens noch willkommen (CONCORDIA Sozialprojekte; IBAN: AT12 3200 0012 0703 4499, Raiffeisen Landesbank NÖ). „Gott segne Euch“, sagt Mama Diamanta zum Abschied stellvertretend. Ein Dank an alle Spender in Tirol – den drücken die Kinder auf ihre Weise aus. Sie winken zum Abschied, drücken sich die Nasen an den Fenstern platt und lachen herzlich.

Täglicher Kampf ums Überleben

Chisinau – Beklemmend. Beeindruckend. Bedrückend. Die Hilfsorganisation Concordia, mit der das Haus in Cahul realisiert werden konnte, zeigte beim Besuch in der Republik Moldau auch, wie der Alltag von Familien hier aussehen kann. Andrei und Alina, ein junges Paar Mitte 20, leben in einem Miethaus, das diese Bezeichnung nicht verdient. Im einzigen beheizbaren Raum spielen die drei Kinder auf engstem Raum. Die Luft ist erdrückend. Die Situation der jungen Frau ist es auch. Auf den ersten Blick wird klar, die Kinder sind unterernährt – die Sechsjährige hat sich deshalb nicht so gut entwickelt, wie es sein sollte. Der Mann hält die Familie mit Gelegenheitsjobs irgendwie über Wasser. Umgerechnet 250 Euro monatliches Einkommen stehen rund 200 Euro Mietkosten gegenüber. Eine verfahrene Situation, die viele Menschen in Moldawien kennen. Die Löhne sind niedrig. Die Kosten hoch.

Die Concordia-Helferinnen, alles Frauen aus der Region, bringen Suppe, Hilfspakete und Holz zur Familie. Zuletzt gab es mit Spendengeldern aus Österreich sogar eine Kuh für Alina. „Damit können die Kinder endlich Milch trinken“, sagt die 25-jährige Mutter. Sie lächelt und zeigt später das Tier, das in einem provisorischen Stall untergebracht ist. Es gibt hier Tausende solche Familien, erklärt Rainer Stoi­ber später im Auto. „Viele Menschen verlassen einfach das Land, um im Ausland arbeiten zu können. Zurück bleiben oft die Kinder.“ Da große Einrichtungen nicht mehr erlaubt und kleinere Einheiten für die Entwicklung der Kinder besser sind, geht man jetzt zu Häusern für Pflegefamilien über. Das Haus in Cahul, finanziert durch die Spenden der TT-Leser, ist dafür ein leuchtendes Beispiel. (mw)