Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.01.2017


Bezirk Reutte

Krankenhaus Reutte: Streit um Kosten und Personal

Rasant steigende Kosten am BKH Reutte lösen zwischen kollegialer Führung und einigen Bürgermeistern einen veritablen Streit aus: über die „Schuld“, aber auch die Frage, wer nun wirklich das Sagen im Haus hat.

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© Mittermayr Helmut



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Bei der Verbandsversammlung des Bezirkskrankenhauses Reutte explodierte der Kessel, der schon lange unter größtem Druck gestanden war. Die Kosten galoppieren davon, die Gemeinden als Erhalter „müssen“ dafür geradestehen. Pflachs Bürgermeister Helmut Schönherr bedachte das berufliche Vermögen einiger Ärzte im Zuge der Kostendiskussion mit einem wenig freundlichen Sager. Der Ärztliche Leiter Eugen Ladner ging daraufhin durch die Decke und konterte wenige Tage später auch schriftlich. Der Versuch einer Aussprache scheiterte schon an der Frage, wer eigentlich die Chefs im BKH Reutte sind – die gewählten Bürgermeister als Erhalter oder die Krankenhausleitung? Schönherr weigerte sich nämlich, eine Aussprache im BKH zu führen, und drehte den Spieß um. Die Gemeinden seien der Erhalter und die kollegiale Führung aus Ärzteschaft, Verwaltung und Pflege von ihnen angestellt. „Wenn Sie schon eine Klärung wollen, dann bitte bei mir im Gemeindeamt“, ließ er ausrichten. Schließlich sei Pflach wie alle Gemeinden zu einem 36stel Erhalter des Spitals; die kollegiale Führung würde hier die Hierarchien durcheinanderbringen. Zum Treffen in Pflach kam dann nur Aurel Schmidhofer, Obmann des Krankenhausverbandes. Ladner und Dietmar Baron, Verwaltungsdirektor des BKH, blieben fern.

Auslöser des Streits waren die enormen Kostensteigerungen des BKH in den letzten Jahren, die die Außerferner Gemeinden zu tragen haben. Auch wenn die Gründe angesichts von Gesetzesänderungen und Marktlage allesamt außerhalb des lokalen Wirkungsbereichs liegen, stimmten Pflach und Vils gegen den Jahresvoranschlag 2017. BM Oberer aus Reutte kündigte an, dem Beispiel folgen zu wollen, wenn sich nichts ändere (die TT berichtete).

Entzündet hatte sich der Konflikt an einer Kleinigkeit. Im Zuge einer Ärztepersonalie war der gewohnte Instanzenweg nicht eingehalten, aber die Bürgermeister informiert worden. Schönherr fragte nach dem Warum, erhielt aber keine befriedigende Antwort. „In der folgenden Sitzung wurde mir auf mein erneutes Insistieren mehr oder weniger nahegelegt, dass mich das nichts angeht“, erklärt Schönherr. „Mein Nachfragen wurde als eine Art Majestätsbeleidigung gesehen. Ja wo sind wir denn?“ Dabei würden de facto 100 % der Personalangelegenheiten von den Bürgermeistern durchgewinkt, weil der kollegialen Führung selbstverständlich das Knowhow dafür zugetraut werde. „Aber die Leute anstellen tun noch immer wir und nicht die Angestellten selbst. Die kollegialen Führungskräfte sind auch Angestellte, mehr nicht. Und bezahlen tun das alles die Gemeinden“, erklärt BM Schönherr – und im noch nicht verrauchten Zorn weiter: „Ärztlicher Leiter findet sich doch gleich wieder einer, wenn’s hier jemandem nicht passt. Das ist ja kein Ehrenamt, sondern zusätzlich zum Primargehalt entsprechend entlohnt.“ Er forderte die gesamte Krankenhausführung auf, endlich ein Durchforsten des Hauses nach Einsparpotenzialen zu starten, wie das in vergeichbaren Unternehmen mit 500 Mitarbeitern und einem 35-Millionen-Budget doch gang und gäbe wäre. Das von den 36 Gemeinden aufzufangende Defizit des BKH beträgt heuer immerhin 4,5 Millionen Euro.

Der angesprochene Primarius Ladner hat in einem Brief an alle Bürgermeister klargelegt, dass mit der kollegialen Führung in Sachen Kostenexplosion die Verkehrten in die Schusslinie geraten würden. „Sie fallen den falschen Leuten in den Rücken“, so Ladner. Dann müssten die Kritiker halt etwa beim Land Tirol laut werden, nicht bei ihm. Den Vorwurf an die Ärzteschaft betreffend Qualität samt dazugehöriger Wortwahl Schönherrs findet Ladner „grenzwertig“, will sie aber nicht öffentlich machen. Natürlich gebe es immer etwas zu verbessern, man arbeite daran. Pauschalurteile in diesem Ton lehne er strikt ab.

Der Anästhesist erklärt auch, dass er als Ärztlicher Leiter für Personalrekrutierung gar nicht zuständig sei: „Das kommt im Portfolio meiner Verantwortungen überhaupt nicht vor, nimmt inzwischen aber drei Viertel meiner Zeit in Anspruch.“ Für ein derart abgelegenes Spital wie Reutte sei es unglaublich schwierig, Personal zu bekommen. Auf jede ausgeschriebene Stelle gebe es Hunderte andere Krankenhäuser als Mitbewerber im deutschsprachigen Raum. Ladner tritt auf Messen auf, kontaktiert Headhunter, macht Werbung für das Medizinstudium, u. v. m. – und hat über die Jahre zusammen mit Sekretärin Heidemarie Koch ein großes Knowhow in Sachen Rekrutierung aufgebaut. „Wenn diese Arbeit nicht gefällt, muss halt extra jemand dafür angestellt werden. Das würde erst teuer.“ Gesundheit ist für Ladner das höchste Gut, hier könnten die Bürgermeister nicht sparen: „Die Bevölkerung muss bestmöglich versorgt werden.“