Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 26.04.2017


Außerfern

Zeitgeist spielt Reuttener HTL in die Hände

Nur zwei Prozent der Sekundarstufe-II-Schüler aus dem Außerfern besuchen eine HTL, in Imst sind es 18.



Von Helmut Mittermayr

Reutte, Innsbruck – So viel Tiroler Prominenz hat sich schon lange nicht mehr für die Implementierung einer neuen Schule ins Zeug gelegt wie dieser Tage für eine HTL für Digitale Technologien in Reutte. Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf, Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Bodenseer, Industriellenpräsident Christoph Swarovski – sie alle beschwören die Vorzüge und den idealen Zuschnitt dieses Schultyps auf das Außerfern.

Um in Wien besser gehört zu werden – die Entscheidung liegt bei Bildungsministerin Sonja Hammerschmid –, wird der Klang des Chors, um Stimmen aus dem Bezirk Reutte erweitert, täglich präsenter. BR-Präsidentin Sonja Ledl-Rossmann, BM Alois Oberer, Wirtschaftsbundobmann Peter Müller, WK-Obmann Christian Strigl – sie alle setzen zum gleichen Mantra an: Reutte ist der industrieintensivste Bezirk Tirols. Knapp ein Drittel aller Beschäftigten in der freien Wirtschaft ist in Industriebetrieben tätig. Was liegt also näher, als genau hier eine HTL für Informationstechnologie/Digitale Technologien als erste (und einzige) in Tirol zu gründen? Um es in Worten Christoph Swarov­skis zu sagen: „Beim Zuwachs der Bruttowertschöpfung pro Einwohner hat Reutte zuletzt alle anderen Tiroler Bezirke überholt. Damit kommt zum Ausdruck, dass der hohe Technologisierungsgrad, Industriedichte und die internationale Wettbewerbsfähigkeit innovativer Unternehmen optimale Wachstumstreiber sind. Diese Standortqualität benötigt begleitende Bildungsmaßnahmen. Big Data, Industrie 4.0 erfordern eine Aufrüstung im Bildungsangebot, um reichlich IT-Kräfte für die Region heranzubilden und der Jugend durch eine neue Technik-HTL die Zukunft vor Ort zu sichern.“

Vom Wiener Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft wurde das Umfeld geprüft. WK-Bezirksstellenleiter Wolfgang Winkler kennt markante Details der Erhebung aus dem demografischen Bereich. Was für ihn klar für eine HTL spricht: „Während aus dem Bezirk Imst 18 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe II eine HTL in Tirol besuchen, sind es im Bezirk Reutte gerade einmal zwei Prozent.“

In der WK Tirol begleitet Strategieexperte Stefan Garbislander wieder einmal eine mögliche Schuleinführung. „Wir lassen gerade eine Bedarfs- und Akzeptanzanalyse durchführen, sind über die Vorstudie aber noch nicht hinaus.“ Nun müssten Schüler (und Eltern) befragt werden, ob der Schultyp überhaupt angenommen werde. Vieles sei zu bedenken. So würde eine HTL zwar das Inge­nieurskolleg IKA nicht direkt konkurrenzieren, da HTL- Schüler als 14-Jährige jünger starten würden, aber „zur Schülerwanderung würde es kommen“ – womit er HAK und Gymnasium anspricht.

Für Patrizia Pappacena, Pressesprecherin der Bildungsministerin, ist es noch zu früh, um über eine Entscheidung zu reden. „Wir sind über alles informiert, weitere Grundlagen werden erhoben.“ Sicherlich auch jene zur geringen Einwohnerzahl des Außerferns oder zu möglichen HTL-Schüler-Zuwanderungen von außen. Denn ein Überangebot könnte schnell zu einem Kannibalisierungseffekt unter den Schulen führen. Pappacena: „Aber eines ist klar: Wir stehen HTLs prinzipiell sehr positiv gegenüber, garantieren sie doch ausgezeichnete Berufschancen.“




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