Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.06.2017


Tirol

ZeitZeigerInnen: Mit Speck fängt man auch die Queen

Das Projekt ZeitZeigerInnen schildert die Geschichte Innsbrucks der vergangenen 60 Jahre von vielen Seiten. Zeitzeugen hatten eine Minute.

Diese Bilder zeigen das Innsbrucker Bergisel-Stadion prall gefüllt anlässlich des Besuches von Papst Johannes Paul II. Eine Schülerin einer katholischen Privatschule hat daran nicht die besten Erinnerungen.

© www.picturedesk.comDiese Bilder zeigen das Innsbrucker Bergisel-Stadion prall gefüllt anlässlich des Besuches von Papst Johannes Paul II. Eine Schülerin einer katholischen Privatschule hat daran nicht die besten Erinnerungen.



Von Alexandra Plank

Herwig van Staa kritisiert seine eigene Partei.
Herwig van Staa kritisiert seine eigene Partei.
- Thomas Boehm / TT

Innsbruck — Was macht Innsbruck aus, abseits von Goldenem Dachl, dem Föhn, Fahrradfahrern mit Skischuhen und einer atemberaubenden Skyline, der Nordkette? Das Projekt „ZeitZeigerInnen" stellt die Bewohner der Stadt am Inn in den Mittelpunkt. 60 Menschen lassen in 60 Minuten die vergangenen 60 Jahre der Hauptstadt Tirols Revue passieren.

„Konventionelle Geschichtsschreibung betrachtet Geschichte meist nur aus der Perspektive Einzelner oder aus dem Blickwinkel von wenigen Experten", sagt Ini­tiatorin Anja Larch. Sie wagt mit diesem Projekt ihr Debüt als Filmemacherin. Die Literatin und Doktorandin hatte sich das Unternehmen aber einfacher vorgestellt, als es sich dann entpuppte, wie sie im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung gesteht: „Am Anfang war es zäh, Menschen zu finden, die ihre Geschichte vor der Kamera erzählen. Doch nachdem die ersten vier bis fünf Personen die Aufnahme gemacht hatten, hat sich die Idee rasch verbreitet."

Im Studio von CH2 Media in der Weyrer-Fabrik sprach Johanna Schwarz über die Panik beim Air & Styl­e 1999 am Bergisel.
Im Studio von CH2 Media in der Weyrer-Fabrik sprach Johanna Schwarz über die Panik beim Air & Styl­e 1999 am Bergisel.
- ZeitzeigerInnen

Als Herausforderung stellte sich die Vorgabe heraus, die Erzählungen auf eine Minute zu konzentrieren. „Uns war wichtig, dass die Schilderungen möglichst ungeschnitten gezeigt werden können", sagt Larch. Auch die Erstellung der Themen, welche Jahrzahl wird mit welchem Ereignis assoziiert, brauchte Zeit. Was war in den vergangenen 60 Jahren, 1955 bis 2015, wichtig, was nicht? Neben weltpolitischen Ereignissen, die auch in Tirol zu spüren waren, wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, finden auch lokale Ereignisse wie das erste Konzert im Treibhaus Platz im Film, der im Oktober im Leokino gezeigt werden soll. Sofern auch das letzte Interview bald im Kasten ist. Ein Minutenbeitrag harrt nämlich noch der Fertigstellung: Treibhaus-Chef Norbert Pleifer muss erst noch über sein „Baby" referieren. Die Assoziationen einer 13-Jährigen zu Tschernobyl sind dramatisch: Erstmals in ihrem Leben habe sie über das Thema Tod nachgedacht.

Lustig ist die Erzählung einer Sistranser Bauerntochter, die sich an den Queen-Besuch im Jahr 1969 erinnert. Elizabeth II. hatte den angebotenen Speck — ganz höfische Etikette — mit ihren weißen Handschuhen angegriffen und gegessen. Um weiße Tücher ging es indes beim Papstbesuch 1988. Die ehemalige Schülerin einer katholischen Privatschule erinnert sich, wie sie den Tanz mit den Tüchern schwänzte und dann bei der Oberschwester nachsitzen musste. Auch die Gründung wichtiger sozialer Einrichtungen, wie etwa des Frauenhauses, wird beschrieben. Der Name „ZeitZeigerInnen" soll darauf hinweisen, wie die Zeit rennt. Die erzählenden ZeitZeigerInnen werden immer jünger. Auch auf diese Weise soll der Lauf der Zeit verdeutlicht werden. „Alle Erzählungen werden im Kurzfilm-Schnitt im Uhrzeigersinn gezeigt", erläutert Larch. Die Zeitgeschichte Innsbrucks werde so zum vielfältigen Gebilde.

„Am Anfang war es zäh, Menschen zu finden, die ihre Geschichte vor der Kamera erzählen wollen“´, sagt Anja Larch
 (Filmemacherin).
„Am Anfang war es zäh, Menschen zu finden, die ihre Geschichte vor der Kamera erzählen wollen“´, sagt Anja Larch
 (Filmemacherin).
- Larch

Neben dem einstündigen Kurzfilm soll das Material auch noch für weitere Projekte wie ein Hörspiel oder eine literarische Anthologie verwendet werden. Die spannende Geschichtsdokumentation wurde über die stadt_potenziale gefördert.

Der Film dürfte bei den Zusehern auch viele eigene Erinnerungen wecken. Anzunehmen, dass sie sich dann im Anschluss ihre persönlichen Erlebnisse erzählen werden. Und so wird die Geschichte wieder und wieder neu geschrieben. Das ist die wahre Kunst.