Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.06.2017


Exklusiv

„Wir dürfen Tiere nie bloß auf ihren Nutzwert reduzieren“

Billigfleisch ist für den Moraltheologen Martin M. Lintner aus Brixen unmoralisch. Er fordert tierethische Standards ein und nimmt auch die Konsumenten in die Pflicht.

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Innsbruck — Dass das Schnitzel einmal gelebt hat, darüber sind sich wohl alle einig. Wie mit den Tieren aber umgegangen werden soll, das beschäftigt Bauern, Händler, Tierschützer und Wissenschafter seit jeher. Ethiker Martin M. Lintner von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen klärt in seinem neuen Buch „Der Mensch und das liebe Vieh" (Tyrolia Verlag) moralische Fragen im Umgang mit Tieren. Darin werden Nutztierhaltung und Konsum von tierischen Produkten wie auch Tierversuche, Jagd, Zirkus und Zoo sowie Haustiere behandelt.

Unter welchen Bedingungen ist es heutzutage moralisch erlaubt, Fleisch zu essen?

Martin M. Lintner: Es spricht nichts gegen Fleischkonsum, wenn ein Tier so gehalten wird, dass es tierethischen Mindestanforderungen entspricht. Darunter verstehe ich, dass z. B. seine artspezifischen Bedürfnisse in Bezug auf Bewegung, Ernährung, Sozialverhalten, Ruhe usw. berücksichtigt werden; wenn die Schlachtungsbedingungen tierethisch vertretbar sind, d. h., dass Transportwege möglichst kurz sind, die Schlachtung stress- und schmerzfrei sowie sorgfältig durchgeführt wird; wenn die Arbeit der Bauern durch den Fleischpreis gerecht entlohnt wird.

Gerade der Fleischpreis sorgte jüngst für Aufregung. Ein deutscher Diskonter hatte ein 600-Gramm-Schweine­nackensteak für 1,99 Euro angeboten und damit für große Aufregung im Internet und den Medien gesorgt. Ist es für Sie unmoralisch, Billigstfleisch zu kaufen?

Martin M. Lintner ist Professor für Theologische Ethik an der PTH Brixen, Lehrbeauftragter für Ethik an der Freien Universität Bozen und Mitglied verschiedener Ethikkommissionen. Er wurde auf einem Bergbauernhof geboren.
Martin M. Lintner ist Professor für Theologische Ethik an der PTH Brixen, Lehrbeauftragter für Ethik an der Freien Universität Bozen und Mitglied verschiedener Ethikkommissionen. Er wurde auf einem Bergbauernhof geboren.
- Lintner

Lintner: Für mich ist es unmoralisch. Denn Billigstpreis bedeutet, dass bei den ökologischen und tierethischen Standards gespart wird. Zugleich entsteht ein Preisdruck, der es den Bauern nicht mehr erlaubt, ökologische und tierethische Kriterien einzuhalten.

Gerade unsere Bergbauern können preislich mit Fleisch aus Betrieben mit Massentierhaltung, die oft Billigarbeitskräfte einsetzen, nicht mithalten. Wer solches Fleisch kauft, unterstützt ein System, das aus tierethischen, ökologischen und sozialen Gründen nicht vertretbar ist.

Kann es dann also geboten sein, kein Fleisch zu essen?

Lintner: Wenn ich als Konsument nicht nachvollziehen kann, ob die bereits genannten Bedingungen erfüllt sind, halte ich es für moralisch geboten, auf Fleisch zu verzichten.

Haben wir Pflichten gegenüber den Tieren?

Lintner: Tierethiker vertreten diese Ansicht. Tiere sind Lebewesen mit artspezifischen und individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten, denen wir in unserem Umgang mit ihnen gerecht werden sollen. Wir dürfen Tiere nie bloß auf ihren Nutzwert reduzieren.

Haben Tiere auch Rechte, die wir ihnen zugestehen müssen?

Lintner: Die Rechte von Tieren sind in den Pflichten begründet, die wir Menschen ihnen gegenüber haben. Sie sind moralische Objekte, weil sie von unserem Handeln mitbetroffen sind. Die Beweislast, wie wir Menschen mit Tieren umgehen sollen, liegt nicht beim Tier, sondern aufgrund der Moralfähigkeit bei uns Menschen.

Das Interview führte Deborah Darnhofer