Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.06.2017


Hall

150 Jahre zwischen sozialem Einsatz und Bühnenzauber

Von Theaterspiel bis Flüchtlingshilfe: Die Kolpingsfamilie Hall prägt das soziale und kulturelle Leben in der Salinenstadt bis heute entscheidend mit.

Vom Grillparzer-Klassiker bis hin zum Otto-Grünmandl-Stück: Die Kolpingbühne Hall gilt vielen als die "Mutter aller Bühnen in Hall".

© Kolpingsfamilie HallVom Grillparzer-Klassiker bis hin zum Otto-Grünmandl-Stück: Die Kolpingbühne Hall gilt vielen als die "Mutter aller Bühnen in Hall".



Hall – Mit einem großen Festprogramm und prominenten Ehrengästen aus dem In- und Ausland – darunter der Generalpräses des Internationalen Kolpingwerks, Ottmar Dillenburg – feierte die Kolpingsfamilie Hall am Wochenende ihr 150-jähriges Bestehen. Bereits seit 1867 steht der Verein für soziales und kulturelles Engagement im Sinne von „Gründervater“ Adolph Kolping. Was sich in 15 wechselvollen Jahrzehnten alles ereignet hat, zeigt eine neue, von Heinz Moser wissenschaftlich begleitete Chronik, die am Samstag feierlich präsentiert wurde. „Darin wird das Vereinsleben der letzten 150 Jahre in den jeweiligen politischen und sozialen Kontext eingebettet“, erklärt Stefan Spiess, Vorsitzender der Kolpingsfamilie.

Seit der Gründung als Verein katholischer Handwerksgesellen hat sich viel verändert – eine Konstante ist aber das Theaterspiel: „Schon beim Gründungsfest 1867 wurde gespielt“, erzählt Spiess, bis heute ist die Bühnenarbeit ein zentrales Standbein. „Die Kolpingbühne wird heute gern als ‚Mutter aller Bühnen in Hall‘ bezeichnet“, sagt Spiess – nicht zuletzt, weil ihre Mitglieder in der besonders regen Haller Theaterszene auch anderweitig Impulse setzen. Während die Kolpingsfamilie bis Ende der 1960er Jahre ein reiner Männerverein war, durften Frauen beim Theater übrigens schon ab 1904 Rollen „mit anständigem Charakter“ bekleiden. Von 1961 bis 1976 hieß es hingegen „Kino statt Theater“: Mit einem Innsbrucker Betreiber wurde ein Vertrag zum Bau des „Parkkinos“ abgeschlossen, ein modernes Kinogebäude ersetzte den alten Theatersaal – wobei die Kolpingsfamilie die Konzession für den Kinobetrieb erhielt. Mit dem Ende des Kinobooms stellte das Parkkino den Betrieb ein, die Räume gingen zurück an den Verein, auch das Theater entstand neu.

Keine Bühnenillusion, sondern bitterer Ernst war der 14. März 1938 gewesen, als 100 SA-Männer das Kolpinghaus besetzten. Der katholische Verein wurde damals aufgelöst, sein Vermögen beschlagnahmt, das ganze Haus zum Parteiheim der NSDAP umfunktioniert.

Zur Festmesse im Haller Altstadtpark war auch der Generalpräses des Internationalen Kolpingwerks, Ottmar Dillenburg (Mitte), gekommen.
Zur Festmesse im Haller Altstadtpark war auch der Generalpräses des Internationalen Kolpingwerks, Ottmar Dillenburg (Mitte), gekommen.
- Michael Kristen

Diese dunkelsten Jahre liegen lange zurück. Heute hat die Kolpingsfamilie 215 Mitglieder von 4 bis 80 Jahren und vielfältige Aufgaben: Zum Theater, besonders bekannt für seine Märchenaufführungen, kommen Chor, Jugendarbeit, Frauenrunde und mehr. Starke Akzente setzt der Verein aber auch im sozialen Bereich, von der Unterstützung für Aidshilfeprojekte in Uganda bis zum Einsatz für Flüchtlinge: Schon ab 1979/1980 engagierten sich Vereinsmitglieder für vietnamesische Flüchtlingsfamilien – und wurden dafür sogar vom Bundespräsidenten ausgezeichnet. Heute stellt der Verein etwa Räumlichkeiten für Deutschkurse zur Verfügung. Stark geprägt wurde und wird die Kolpingsfamilie von Pater Severin Mayrhofer, der den Verein seit 25 Jahren als Präses begleitet – und dafür am Sonntag geehrt wurde. (md)

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