Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.06.2017


Exklusiv

Dolmetscher für Asylwerber fehlen immer noch in Tirol

Gesundheit der Asylwerber im Fokus von Veranstaltungen in Innsbruck: 300 Menschen warten auf eine Trauma-Therapie.

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© Thomas Boehm / TT



Von Sabine Strobl

Innsbruck – Wie sieht die Situation der neuen Mitbürger zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle aus? Ein Hauptproblem ist der mangelnde Einsatz von Dolmetschern, darüber waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Versorgung von Geflüchteten im Gesundheitssystem“ im Haus der Begegnung einig.

Besonders spürbar sind die Sprachbarrieren bei der Behandlung von traumatisierten Menschen, führt Gabriele Mantl, Leiterin Zentrum für interkulturelle Psychotherapie Ankyra, im Gespräch mit der TT weiter aus: „Die Versorgung mit Dolmetschern wurde besonders im Bereich der niedergelassenen Ärzte vernachlässigt.“ Die Einrichtung des Diakonie Flüchtlingsdienstes arbeitet seit 2004 mit speziell ausgebildeten Psychotherapeuten und Dolmetschern. Mantl sieht in der psychotherapeutischen Behandlung von traumatisierten Menschen eine ganz große Herausforderung. 300 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste, darunter auch unbegleitete Jugendliche und Kinder. Die Betroffenen warten ein halbes Jahr und mehr auf einen Ersttermin und dann weitere sechs Monate auf einen Therapieplatz. Seit 2016 sind dreimal so viele Menschen zu versorgen wie die Jahre zuvor, das Budget ist ein Drittel höher. Mantl: „Die Entwicklung der Wartelisten war absehbar.“

Manche traumatisierte Menschen kommen nach einer zehnstündigen Behandlung zurecht, bei anderen ist trotz Langzeittherapie nicht mehr als eine Stabilisierung zu erreichen. Wie die Psychotherapeutin betont, müssen Menschen, um dann gesund zu bleiben, in soziale Strukturen eingebettet werden, also eine Arbeit finden und ihr Leben selbst gestalten können. Das Ankyra-Team könnte mehr traumatisierte Flüchtlinge behandeln, doch dies scheitert vorläufig an der Finanzierung.

Oft trete die Traumatisierung auch erst Jahre später ans Tageslicht, „d.h. es muss auch Jahre später möglich sein, dolmetschunterstützte Behandlung in Anspruch zu nehmen.“

Infektionen bei neuen Mitbürgern waren unterdessen Thema beim Kongress der Intensivmediziner diese Woche in Innsbruck. Rosa Bellmann-Weiler, Internistin und Infektiologin an der Uniklinik Innsbruck, hält klar fest: „Laut WHO besteht kein systematischer Zusammenhang zwischen Migration und Einschleppung von Infektionskrankheiten.“ Doch Infektiologen stehen derzeit vor der Herausforderung, sehr seltene Infektionskrankheiten oder solche mit einer langen Inkubationszeit zu erkennen. Hauptsächlich sind sie aber weiterhin mit Tropenkrankheiten, die Touristen heimbringen, konfrontiert.

In den letzten Jahren wurden mehr Tuberkulose-Fälle registriert, ein Viertel davon bei Flüchtlingen. Es gibt einzelne Fälle von Malaria. Eben wurde eine Zunahme von Hepatitis-A-Erkrankungen in der EU vermeldet.

Der Appell der Ärztin: die Impfungen der Regelversorgung einhalten.


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