Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.08.2017


Gesellschaft

Hunger und Massensterben zurück: 26 Mio. Menschen gefährdet

Der Hunger in der Welt ist trotz optimistischer Zielvorgaben noch lange nicht besiegt. In Ostafrika und auch im vom Krieg verwüsteten Jemen sind wieder Millionen vom Hungertod bedroht.

Hunderttausende Kinder leiden unter Mangelernährung und in den Lagern grassiert die Cholera.

© Hossein FatemiHunderttausende Kinder leiden unter Mangelernährung und in den Lagern grassiert die Cholera.



Von Christian Jentsch

Somalia stöhnt erneut unter einer verheerenden Dürre. Die Ernten sind ausgefallen, die Tiere gestorben.
Somalia stöhnt erneut unter einer verheerenden Dürre. Die Ernten sind ausgefallen, die Tiere gestorben.
- Georgina Goodwin

Juba, Mogadischu, Innsbruck — Ausgezehrte Menschen, halb verhungerte Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, verödete Landstriche, verdurstete Tiere und blutige Bürgerkriege, denen Tausende zum Opfer fallen. Afrika gilt in unserer Wahrnehmung als der Hungerkontinent. Mitte der Achtzigerjahre starben bei einer verheerenden Hungersnot in Äthiopien bis zu einer Million Menschen, weltweit wurden Hilfsprojekte organisiert, darunter mit Live Aid das größte Rockkonzert der Geschichte. 2011 starben rund 260.000 Menschen bei einer neuerlichen Hungersnot in Somalia. In den vergangenen Jahren schien der Kampf gegen den Hunger in Afrika Früchte zu tragen. Die Vereinten Nationen kündigten in ihren Milleniumszielen an, die Anzahl der Hungerleidenden bis 2015 um die Hälfte reduzieren zu wollen. Und der frühere UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, unsere Generation könne den Hunger auf dieser Welt beseitigen.

26 Mio. Menschen brauchen akute Nothilfe

Doch die großen Hoffnungen haben sich zerschlagen. Der Hunger und das Massensterben sind nach Afrika zurückgekehrt. Das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) hat kaum noch Hoffnung, global den Hunger bis 2013 zu besiegen. Besonders in Ostafrika und auch im vom Krieg verwüsteten Jemen droht eine neue Katastrophe. Wieder sind in Somalia am Horn von Afrika Millionen Menschen in Gefahr, wieder sind Hunderttausende auf der Flucht, auf der Suche nach Nahrung und Wasser. Auch in Äthiopien und in Kenia wütet die verheerende Dürre und vernichtet die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Im Südsudan, der im Juli 2011 seine Unabhängigkeit erlangte und heute als gescheiteter Staat gilt, tobt seit 2013 ein blutiger Bürgerkrieg. Zehntausende sind der Gewalt bisher zum Opfer gefallen, rund 3,5 Mio. Menschen — fast jeder Dritte Südsudanese — mussten fliehen. 100.000 sind vom Hungertod bedroht. In Uganda haben 1,2 Mio. Menschen Zuflucht gefunden, die meisten von ihnen Kriegsflüchtlinge aus dem Südsudan. Äthiopien beherbergt rund 800.000 Flüchtlinge. Laut der Hilfsorganisation Care sind in Ostafrika insgesamt 26 Mio. Menschen von akuter Nothilfe abhängig, um die Dürre zu überleben. Die Vereinten Nationen haben bereits vor einem „Massensterben" gewarnt. Auch, weil die Welt kaum mehr Anteil an der drohenden Hungersnot in Afrika nimmt.

Zahlen & Fakten

Rund 26 Mio. Menschen benötigen laut der Hilfsorganisation Care in den ostafrikanischen Ländern Südsudan, Somalia, Kenia, Uganda und Äthiopien akute Nothilfe. Die Region wird von einer verheerenden Dürre heimgesucht. Die UNO warnt vor einem Massensterben.

363.000 Kinder leiden laut Care in Somalia an akuter Mangelernährung. Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef warnt, dass die Zahl bis Jahresende auf rund 1,4 Mio. ansteigen könnte. Rund 6,7 Mio. Menschen in Somalia — etwa die Hälfte der Bevölkerung — sind auf Hilfe angewiesen. Rund 700.000 Menschen sind auf der Flucht. 2011 starben in Somalia 260.000 Menschen in Folge einer Hungersnot.

Die Cholera wütet sowohl in Ostafrika als auch im vom Bürgerkrieg verwüsteten Jemen. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz sind im Jemen bis Jahresende rund 600.000 Cholera-Kranke zu befürchten. In Somalia sind über 50.000 Menschen erkrankt.

Und mit der Dürre, dem Wassermangel und dem Krieg kommt auch die Cholera. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in den vergangenen drei Monaten im Jemen rund 362.000 Menschen an Cholera erkrankt. In Somalia sind es rund 50.000 Menschen. Und auch in den überfüllten Flüchtlingscamps mit schlechten Hygienestandards grassiert die Cholera.

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Robert Zeiner, Leiter der Abteilung Projekte und Programme International, von der Austrian Development Agency (ADA) sieht vor allem zwei Faktoren, welche die neue Hungerkrise in Ostafrika ausgelöst haben. Erstens wüten in der Region blutige Kriege, vor allem im Südsudan grassiert die Gewalt in einem politischen Machtkampf, der ethnisch ins­trumentalisiert wurde. Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, ganze Landstriche verwüstet. Die Friedensgespräche in Äthiopien sind gescheitert und damit auch die Hoffnung auf ein Ende des Konflikts, so Zeiner. Neben den blutigen Auseinandersetzungen macht die verheerende Dürre der Region zu schaffen. „Die letzten zwei Regenzeiten sind praktisch ausgefallen", erklärt Zeiner von der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit — auch eine Folge des Wetterphänomens El Nino­. Der Wassermangel lässt die Ernten ausfallen und die Tiere verenden. Zudem sind die Menschen gezwungen, verunreinigtes Wasser zu trinken — Cholera-Epidemien sind die Folge. Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit leistet laut Zeiner auf der einen Seite Nothilfe, welche die fragilen Staatssysteme in vielen afrikanischen Ländern nicht leisten können. Auf der anderen Seite werden auch Projekte zur nachhaltigen Ernährungssicherheit gefördert. Von 2007 bis 2016 förderte die ADA insgesamt 60 Projekte. Uganda und Äthiopien sind Schwerpunktländer der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Und: Seit Ende Juni hat Österreichs Regierung auf Initiative des Außenministeriums rund elf Mio. Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds für Afrika bereitgestellt.

Langfristige Hilfe notwendig

Jennifer Bose, für die Hilfsorganisation Care in Somalia im Einsatz, berichtet gegenüber der TT von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten. „Seit drei Jahren ist im ganzen Land kaum noch Regen gefallen. Der Boden ist staubtrocken, überall liegen Tierkadaver." Und „sterben die Tiere, sterben auch die Menschen", ist vor Ort zu hören. Doch die Hungerkrise von 2011 darf sich nicht wiederholen, so Bose. „Wir sind besser vorbereitet und müssen eine neuerliche Katastrophe verhindern." Auch Bose berichtet von Cholera-Ausbrüchen in Folge von verunreinigtem Wasser, das die Menschen als letzte Reserve anzapfen — auch in den riesigen Flüchtlingscamps, in denen es etwa keine Toiletten gibt. Die Menschen flüchten aus den Dürregebieten und suchen Hilfe und Nahrung in den Städten. „Doch auch dort werden sie nicht fündig", erklärt die Helferin. Und auch Bose weiß, dass neben der Nothilfe vor allem langfristige Hilfe notwendig ist. Hilfe, die auf Vorbeugung setzt und die Menschen auch in Dürrezeiten eine Perspektive gibt.

Auf der Flucht: Millionen  Menschen im Südsudan fliehen vor Krieg und Dürre.
Auf der Flucht: Millionen Menschen im Südsudan fliehen vor Krieg und Dürre.
- REUTERS