Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 06.10.2017


Bezirk Reutte

Männer als Kunden der Suchtberatung

Erstmals große Jugendinformationsveranstaltung am 18. und 19. Oktober in der Sporthalle Reutte.

© Mittermayr HelmutStehen mit Rat und Tat zur Seite, wenn Drogenkonsumenten geholfen werden soll: Julia Mac Gowan, Theresa Rauter und Birgit Keel (v. l.).



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Wenn ein neuer Klient die Tür zur Suchtberatungsstelle im Reuttener Untermarkt öffnet, handelt es sich mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit um einen Mann. Fast ebenso einseitig ist der geschlechtsspezifische Anteil bei Angehörigen und Bezugspersonen, die Rat und Hilfe suchen – sie sind weiblich. Birgit Keel, Geschäftsführerin der Suchtberatung Tirol, und Julia Mac Gowan, Psychotherapeutin der Suchtberatungsstelle Reutte, erläutern das Umfeld, in dem im Außerfern versucht wird, Drogenkonsumenten zu helfen.

Im vergangenen Jahr hat die Suchtberatung Reutte 50 Klienten, darunter acht, die einem Süchtigen nahestehen, betreut. Zwei Teeanger waren sogar unter 15 Jahre alt. Ein großer Teil der Klienten war von Gericht oder Gesundheitsbehörde zugewiesen worden – also irgendwie aufgeflogen. „Männer konsumieren Suchtmittel lieber in Gruppen, im Freundeskreis, Frauen im stillen Kämmerlein“, versucht Keel die Diskrepanz zu erklären. Wenn dann ein Fall behördenbekannt werde, handle es sich oft gleich um mehrere Männer. Denn beim Suchtverhalten an sich gebe es keine derart großen geschlechtsspezifischen Unterschiede, ist sich Keel sicher.

Beim illegalen Drogenkonsum geben in den Suchtberatungsstellen tirolweit mehr als die Hälfte der Betroffenen Cannabis als Leitdroge an, 15 Prozent Opiate, elf Prozent Kokain. „Auch in Reutte ist es vor allem Cannabis, dann Designerdrogen, Opiate, Crystal Meth. Kokain ist derzeit weniger ein Thema. Zumindest bei uns“, weiß Mac Gowan. Und weiter: „Die Zahlen der Polizei können aber durchaus andere sein. Der Drogenkonsum im Außerfern ist sicher konstant hoch, im Tirolvergleich aber nicht besonders auffällig.“ Reutte – wie schon vorgekommen – als Sodom und Gomorra der Drogenszene in Tirol zu bezeichnen, ist laut Mac Gowan vollkommen übertrieben.

„Klienten und Klientinnen brauchen in ihrer schwierigen Situation eine Reihe von psychologischen und sozialen Hilfestellungen. Diese reichen von der Sicherung des Überlebens durch Reduzierung des Risikoverhaltens über Einleitung von Rehamaßnahmen, der Möglichkeit sozialer Reintegration bis zu psychischer Stabilisierung“, sagt Keel.

„Aufgrund einer guten Vernetzung mit dem Gesundheitsamt und der Polizei fanden viele Menschen zusätzlich ihren Weg zu einer Beratung. So konnte vor allem im Bereich der Suchtprävention viel geleistet werden. Wir verstehen uns auch als Case Manager. Das heißt, Betroffene können bei uns immer wieder andocken, auch nach einem Rückfall. Und die Hilfestellung ist selbstverständlich anonym und kostenlos“, sagt Mac Gowan. Mit vielen Klienten gehe man in den „Austausch“, der Gesprächsstoff gehe nie aus. Viele ließen sich auf diesen „Prozess“ ein. Bis Ende 2017 soll allen Allgemeinmedizinern im Bezirk die Arbeit persönlich vorgestellt werden.

Eine Besonderheit: In Reutt­e wird die KISS-Therapie angeboten, bei der Betroffene unter Anleitung lernen, den eigenen Suchtmittelkonsum zu kontrollieren. So wird auch ein Konsumtagebuch angelegt. „Für viele anfangs ein Schock, was da an Nikotin, Alkohol und illegalen Drogen zusammenkommt. Manche versuchen, den Level zu halten, andere vorsichtig zu reduzieren“, sagt Mac Gowan.

Die Suchtberatung Tirol nimmt mit 23 anderen Einrichtungen an der großen Jugendinformationsveranstaltung „INFO4YOUth“ teil, die am 18. und 19. Oktober in der Sporthalle Reutte stattfinden wird. „Junge Menschen wissen oft nicht, an welche Einrichtung sie sich im Bedarfsfall mit Fragen, Themen und Bedürfnissen wenden können. ,INFO4YOUth‘ informiert junge Menschen und interessierte Personen über die zahlreichen Angebote und Leistungen sozialer Einrichtungen für Jugendliche im Außerfern sowie über Möglichkeiten, sich ehrenamtlich im Bezirk zu engagieren“, sagt Theresa Rauter vom Team der Mobilen Jugend­arbeit Reutte.




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