Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.10.2017


Gesellschaft

Große Welt in kleinem Laden

Der älteste Weltladen Österreichs feiert Geburtstag und blickt auf 40 Jahre fairen Handel zurück. Aber auch auf anfänglichen Gegenwind und große Entwicklungen.

© Michael KristenErika Kränzler war von Anfang an im Weltladen engagiert. Ihre Mutter hatte zuvor in dem Geschäftslokal in der Universitätsstraße Obst und Gemüse verkauft.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Körbe, ein bisschen Getreide, Honig, Schokolade, Tee und Kaffee – vor allem Kaffee – standen Ende der 90er-Jahre in den Holzregalen des ersten Weltladens Österreichs in der Innsbrucker Universitätsstraße. Viel mehr gab es nicht zu kaufen. Bei der Eröffnung vor genau 40 Jahren war es noch weniger. Die Wider- stände allerdings waren groß.

Heute ist Antonia Kriechbaum die Geschäftsführerin.
- Michael Kristen

„Wieder etwas Neues. Wer braucht so einen Blödsinn?“, erinnert sich Erika Kranzler an den Tenor der Gegner, den es zu übertönen galt. Kranzlers Mutter hatte in dem niedrigen Gewölbe zuvor ein Obst- und Gemüsegeschäft geführt.

Mit der Bedingung, selbst mitarbeiten zu dürfen, stellte sie ihre Räume zur Verfügung. Als lose Gruppe aus Entwicklungshelfern, Mitgliedern der katholischen Jugend und Lehrern begannen sie, fair gehandelte Ware zu verkaufen. Sie wollten nicht Almosen geben. Sondern die Menschen in den – wie es politisch korrekt heißt – Ländern des globalen Südens dazu ermächtigen, sich mit dem Verkauf ihrer Produkte selbst zu helfen. „Wir haben sofort mit Aktionen begonnen, wie die ,Jute statt Plastik‘-Kam- pagne“, schildert Kranzler.

Heute, 40 Jahre nach der Eröffnung, ist Kaffee nach wie vor das Zugpferd in dem kleinen Geschäft, das vom Verein zur Förderung des Fairen Handels geführt wird. Kostete ein Viertelkilo 1977 noch 43 Schilling, würde man unter Berücksichtigung der Inflation heute 9,55 Euro dafür hinlegen, wie Geschäftsführerin Antonia Kriechbaum berechnet hat.

Aktuell zahlt man allerdings 3,99 Euro dafür. „Das hat auch mit der Entwicklung des Kaffees weg vom Genussmittel, hin zum Coffee to go, zu tun.“ Kriechbaum ist die einzige Angestellte, um die 15 Ehrenamtliche arbeiten mit.

Von der anfänglichen Skepsis ist nicht mehr viel übrig. „Der Laden hat sich auch sehr verändert. Anfangs haben hier noch richtige Gelage stattgefunden“, schmunzelt Obfrau Helene Bürkle. Gemeinsame Mittagessen im Geschäft gebe es heute nicht mehr, das Sortiment ist vielfältiger geworden, die Produkte sind hochwertig. „Manche glauben aber noch, dass in einem Laden mit Ware aus Afrika alles billig sein muss“, sagt Bürkle. Die Krankenschwester engagiert sich seit ihrer Pensionierung für den Verein, der dem 1982 gegründeten Dachverband ARGE Weltläden untersteht.

Jedes Geschäft, welches das Logo des Weltladens benutzt, verpflichtet sich, bei ausgewählten, zertifizierten Lieferanten zu bestellen. Dazu gehören z. B. die in Salzburg ansässige EZA, Globo, EWH, DWP und Fairkauf. „Zum Basis-Preis, der sich am Weltmarktpreis orientiert, kommt eine Fair-Trade-Prämie dazu, welche die Cooperativen z. B. für Schulen, Wasserversorgung oder den Straßenbau einsetzen“, erklärt Kriechbaum, was unter gerechter Preisgestaltung verstanden wird. Auch ein Bio-Zuschlag sowie ein Qualitätsaufschlag sind möglich. „Bei fair gehandelten Produkten bleiben den Produzenten durchschnittlich 25 % des Endverkaufspreises.“

Bei Reisen, etwa zum Kaffeegarten nach Honduras, machen sich die Mitarbeiter ein Bild von den Produktionsbedingungen.
- kriechbaum

Die Handelspartner aus Lateinamerika, Asien und Afrika werden regelmäßig überprüft – u. a. von der WFTO, der Weltorganisation für fairen Handel – und bewertet. In Härtefällen, wie nach dem Erdbeben in Mexiko, können die Hersteller auch Mikrokredite bei der EZA beantragen. Die Hälfte des Preises für ihre Produkte bekommen die Partner ohnehin im Voraus bezahlt.

Die Bedingungen vor Ort schauen sich auch die Weltladen-Mitarbeiter immer wieder an und laden die Bauern und Handwerker im Gegenzug ein, um in Innsbruck im Rahmen der Bildungs- und Kampagnenarbeit von ihrer Lebenssituation zu berichten. „Je mehr Menschen fair einkaufen, desto mehr Produzenten können im fairen Handel verkaufen. Weltwirtschaftlich betrachtet ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Kriechbaum. Doch Weltladen-Pionierin Kränzler ist überzeugt: „Je dicker der Tropfen, des- to mehr höhlt sich der Stein.“




Kommentieren


Schlagworte