Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.11.2017


Tirol

Alte Lebensadern vor dem Vergessen bewahren

Künstliche Bewässerungsgräben (Waale) spielten in der Region Imst eine bedeutende Rolle. Viele sind verschwunden. Eine eigene Gruppe will sie erhalten.

© ReichleWandern entlang der Waale in Hochimst – ruhig plätschert das Wasser in einem der erhaltenen Wasserkanäle dahin.



Von Matthias Reichle

Imst, Tarrenz — Mit Schwung schlägt Elmar Tiefenbrunner seine Wassereisen in den Boden — diesmal nur zu Demonstrationszwecken. Das traditionelle Gerät ähnelt einer sehr großen, flachen Schaufel. Es dient aber gar nicht zum Graben, sondern, wie der Name schon vermuten lässt, der Bewässerung.

„Meine Zeit ist um 5 Uhr Früh", erklärt er der Tiroler Waalgruppe, die ihm einen Besuch abstattet. Die Experten sind der alten Kulturtechnik auf der Spur: Waale sind künstliche Bewässerungskanäle, die früher fast überall im Oberland zu finden waren. Heute droht die Erinnerung an sie zu verschwinden. Der Historiker Werner Holzner, der Mathematiker Burghard Fiechtner und ihr Helfer Sunday Omesha David haben vor einigen Jahren begonnen, die Waale zwischen Nauders und Kematen zu kartografieren.

Elmar Tiefenbrunner schlägt seine Waaleisen zu Demonstrationszwecken in den – derzeit trockenen – Krabichlwaal.
- Fiechtner

Tiefenbrunner ist einer von wenigen Oberländer Bauern, die die alte Tradition noch pflegen. Wenn es trocken ist, beginnt der Obtarrenzer bereits im Mai damit. „Im April ist es noch zu kalt", sagt er. Dabei schlägt er die Eisen quer in den Waal, der oberhalb seiner Felder am Krabühel verläuft, und staut die Lebensader so auf. Die steilen sonnseitigen Trockenwiesen werden von oben langsam überschwemmt. „Ich darf das einmal die Woche für acht Stunden." So stehe es im Wasserbuch, das bei der Bezirkshauptmannschaft aufliegt, erklärt er. Zu jeder Tageszeit ist ein anderer Bauer dran — Tiefenbrunner muss schon früh aus dem Haus.

Diese strenge Reglementierung stammt aus einer Zeit, als die Wassermenge noch darüber entschied, ob eine Familie satt wurde oder hungern musste.

Auf Stelzen führt der verrohrte Geirebühelwaal über ein kleines Tal bei Hochimst.
- Reichle

„Heute tun es nicht mehr viele", sagt Tiefenbrunner über diese Form der Bewässerung. Konflikte, wie es sie früher zwischen den Bauern immer wieder gab, sind deshalb kaum mehr denkbar.

Einst gab es ein ganzes Netz von Bewässerungswegen in den Oberländer Feldern. Die Bezirksstadt Imst gilt als Paradies dieser alten Technik. Über 80 Waal-Kilometer durchzogen die Wiesen und Gärten — das entspricht der Distanz von Imst nach Schwaz. Der Heimatforscher Walter Zaderer hat sie Mitte des vergangenen Jahrhunderts erhoben. Damals wurden knapp 65 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen bewässert, das entspricht 257 Hektar oder 360 Fußballfeldern.

„Aufgehört hat das, wie die Landwirtschaft in den 70er-Jahren zurückgegangen ist", schildert Christian Jäger, einer der wenigen noch übrigen Imster Stadtbauern. Durch den von ihm bewirtschafteten Obstbangert schlängelt sich der Stöfflwaal. Im „Kunstdüngerzeitalter" waren Waale plötzlich nicht mehr interessant. Viele sind verschwunden — und wo es früher Waale gab, stehen heute Siedlungen.

Auch unterhalb des von Jäger bewirtschafteten Gartens wurden Wohnhäuser errichtet. „Da muss ich dabeibleiben, ich kann das Wasser nicht einfach zu den Nachbarn schicken", betont er mit einem Schmunzeln — sonst haben die es im Keller. Der Stöfflwaal hat gleich eine dreifache Funktion: als Wasserwaal, als Abfluss für Straßenabwässer und als Feuerwaal.

Die Tiroler Waalgruppe besuchte die Imster Bauern Marion und Christian Jäger, die mit dem Stöfflwaal bewässern.
- Reichle

„Im vergangenen Jahr haben wir eine Feuerwehrprobe angezettelt. Wir konnten mit dem Waal einen Tankwagen mit Wasserwerfer betreiben", erzählt Jäger. Er selbst glaubt, dass er inzwischen der letzte Imster Bauer ist, der noch nach „alter Methode" bewässert. Dabei haben sein Vater, sein Onkel und die Nachbarn einmal prozessiert, um den alten Waal zu erhalten. Sie haben gewonnen. Anderswo hieß es aber: „Wir brauchen das nicht mehr", so Jäger. Dabei wäre noch viel da, das man reaktivieren könnte.

Vieles, das auch für den Tourismus noch interessant wäre, wie Historiker Holzner von der Waalgruppe unterstreicht.

Bei ihren Streifzügen in Hochimst stoßen er und seine Kollegen zwischen Geirebühel- und Putzenwaal auf eine Runde, die sich wunderbar für einen Waalwanderweg eignen würde. Einige Waale sind dort noch in Betrieb, andere verwachsen langsam mit kleinen Bäumchen oder werden mit Ästen zugeschüttet. „Der Geirebühelwaal wäre problemlos wieder zu reaktivieren", sagt Holzners Kollege Fiechtner. „Es würde ein wunderschöner Rundweg entstehen."

Zwei Generationen, so lange, schätzen die Waalforscher, dauert es, bis ein ungenutzter Waal verschwindet. Für Holzner ist es unverständlich: „Überall heißt es, wie schön es in Südtirol ist, entlang der Waale zu wandern, dabei haben wir das hier", schüttelt er, der selbst aus Südtirol stammt, den Kopf. Man müsste die alten Waale nur herrichten und beschildern. Waalwege seien nicht steil und damit leicht zu begehen, betont er. „Das hat eine Qualität!" Immer wieder kommt der Historiker über die ausgefeilte Technik ins Schwärmen, mit der die Waale vor Jahrhunderten angelegt wurden.

Aber auch die neuzeitliche Technik hat es in sich. „Was siehst du da?", fragt Fiechtner während der Wanderung. „Einen umgefallenen Baumstamm", so die Antwort. Beim Näherkommen ist es der Geirebühelwaal, der sich auf Stelzen über ein kleines Tal zieht — wie ein altes römisches Aquädukt aus Metallrohren.

Es wäre schade, das alles in Zukunft zu verlieren, ist sich die Gruppe einig. Sie wird für die Erhaltung der Waale weiterkämpfen. Dazu gehört auch die Unterschutzstellung als Unesco-Kulturerbe.