Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 08.11.2017


Bezirk Kufstein

Oma half Enkerl ans Licht der Welt

Der Weg ins Krankenhaus Kufstein war nicht mehr möglich: Eine 58-jährige Ebbserin half ihrer 31-jährigen Tochter im Wohnzimmer bei der Geburt. Der kleine Samuel ist knapp vier Kilo schwer und pumperlgesund.

© OtterÜberglücklich, aber geschafft: Ramona und Robert Baumgartner mit dem kleinen Samuel und dem „großen Brüderchen“ Matheo sowie Geburtshelferin und Oma Helene Ager.



Von Wolfgang Otter

Niederndorferberg – „Das ist ein unbeschreiblich schönes Erlebnis.“ Helene Ager aus Ebbs, ihre Tochter Ramona Baumgartner und deren Ehemann Robert aus Niederndorferberg waren gestern Nachmittag überglücklich, aber komplett geschafft. Kein Wunder: Nicht ganz 12 Stunden davor war etwas geschehen, was wohl nur wenigen Großmüttern in ihrem Leben in unseren Breiten vergönnt sein dürfte: Helene Ager war Helferin bei der ungeplanten Hausgeburt ihres Enkelsohnes Samuel.

Die ganze Familie wartete bereits mit Vorfreude auf die Ankunft des kleinen Samuel. Er ist der zweite Sohn von Ramona und Robert Baumgartner. „In der Nacht hat dann mein Schwiegersohn angerufen, dass es bei Ramona so weit ist und die beiden ins Krankenhaus fahren wollen“, erinnert sich Helene Ager.

Sie war als Babysitterin für ihren vierjährigen Enkel Matheo eingeteilt. Daher habe sie den Anruf bereits erwartet und machte sich auch prompt auf den Weg nach Niederndorferberg. „Als ich angekommen bin, war meine Tochter bereit zum Abfahren, sie sagte, sie müsse nur noch schnell auf die Toilette“, erinnert sich die Ebbserin. Die Großmutter ging daher zur ihrem Enkelsohn in das obere Stockwerk, um nur kurz danach voll Entsetzen nach unten zu stürmen. „Ich habe die Ramona schreien gehört. Als ich zu ihr gekommen bin, hat sie sich vor Schmerzen gekrümmt.“

Die Wehen waren so heftig, dass der Weg ins Krankenhaus Kufstein nicht mehr möglich war. Ager gelang es noch, gemeinsam mit dem Schwiegersohn die 31-Jährige im Wohnzimmer auf den Boden zu legen.

Während sich der alarmierte Notarzt samt Sanitätern auf den Weg zum Haus der Familie machte, „hat mir der Mitarbeiter der Leitstelle dann gesagt, was ich tun soll“, erzählt die Ebbserin weiter.

„Das war einfach toll, wie mich der beruhigt und mir Mut gemacht hat.“ Und dann sei alles sehr schnell gegangen, „plötzlich hatte ich meinen Enkelsohn auf meinen Händen. Es war unglaublich, ein nicht zu beschreibendes Glücksgefühl.“ Es war Punkt 2.55 Uhr, Samuel knapp vier Kilo schwer und 54 Zentimeter groß.

„Eine Minute später waren Notarzt und Sanitäter im Haus“, erinnert sich Robert Baumgartner. Mittlerweile liegen die junge Mama und Samuel pumperlgesund auf der Wochenstation im Krankenhaus Kufstein. „Ich wurde total überrascht“, schildert Ramona Baumgartner das Erlebte. „Aber glücklicherweise sind wir nicht früher gefahren, sonst wäre der Kleine auf der Autobahn gekommen“, meint die junge Mutter.

Für die ganze Familie, samt Großvater Hans-Peter Kreuzer, auf alle Fälle eine überwältigende Erfahrung. „Nur nochmals möchten wir so etwas nicht mitmachen“, sind sich Mutter und Tochter einig.

Auch Bruder Matheo ist begeistert, aber über eines habe er sich beschwert, wie Papa Robert erzählt: „Dass der Notarzt und die Sanitäter die Schuhe angelassen haben, während er sie immer im Haus ausziehen muss.“

Eine Hausgeburt mit Hilfe eines Mitarbeiters der Leitstelle Tirol „ist zwar selten, kommt aber schon ein- bis zweimal im Jahr vor“, verrät Leitstellenchef Bernd Noggler. Die Mitarbeiter seien speziell geschult und können ein Abfragesystem nutzen. „Und wenn dann alles gut geht, ist das auch für den Mitarbeiter ein schönes Gefühl“, weiß Noggler.