Letztes Update am Di, 05.12.2017 07:19

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reportage

Herr Chanel und die ,,Euro-Indianer“ vom Rio Oiapoque

Tief im Amazonasgebiet gibt es einen der ungewöhnlichsten Grenzposten der Welt. Brasilien und die EU trennt nur ein Fluss. Indigenas bringen Kinder auf der europäischen Seite zur Welt, um Kindergeld aus Frankreich zu beziehen. Die Grenze sichert hier die Fremdenlegion.

Symbolfoto.

© apa/dpaSymbolfoto.



Von Georg Ismar

Vila Brasil/Camopi – Der Händedruck sucht seinesgleichen. Als der Kommandant der Fremdenlegion wieder loslässt, ist man froh, dass nichts gebrochen ist. Bei ihm ist die Sicherung der europäischen Grenze, im tiefsten Regenwald in Südamerika, sicher in guten Händen.

Zwei Meter groß, die blonden Haare kurz geschoren, russischer Akzent. Seine Herkunft will er nicht preisgeben, er sei nun Franzose, hier im Dschungeleinsatz. 30 Soldaten der französischen Fremdenlegion sind hier stationiert, um im Auftrag Frankreichs die ungewöhnlichste europäische Außengrenze zu sichern. Denn der Rio Oiapoque ist die Trennlinie zwischen Brasilien und Französisch-Guayana, dem Überseegebiet Frankreichs und damit auch die Grenze zur EU.

Heimat der Ureinwohner

Das Mobilfunknetz ist auf beiden Seiten ein französisches – mit einem europäischen Handy fallen keine Roaminggebühren an, man ist ja in der EU. Der Oiapoque bildet auch die Grenze zum brasilianischen Nationalpark Tumucumaque, einem der größten Regenwald-Schutzgebiete.

Er hat fast die Ausmaße der Niederlande und ist die Heimat von ein paar hundert Wayapi-Ureinwohnern. Auf der Seite Brasiliens sind zum Schutz des Regenwaldes Siedlungen eigentlich verboten, aber dank des französischen Dorfes Camopi, wo die Fremdenlegion stationiert ist, gibt es eine kleine Siedlung, Vila Brasil. Die meisten der 90 Häuser wurden errichtet, bevor der Tumucumaque 2002 zum Nationalpark erklärt wurde. Dort gibt es Freiluft-Frisöre, kleine Läden, Kneipen und Bordelle, laute Musik. Warum, wird nach und nach klar. Acht Stunden braucht das Boot den Rio Oiapoque hinunter, um hierhin zu gelangen.

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Ausgerechnet das französische Kindergeld verursacht so manche Probleme. Um darüber mehr zu erfahren, ist Joseph Chanel der richtige Ansprechpartner. Er ist der Bürgermeister von Camopi und an diesem Tag nur bis 12 Uhr zu sprechen. Denn es ist ein Sonntag – ab mittags will er Cachaça, Zuckerrohrschnaps, trinken. Eigentlich heißt er Joseph Chandet, aber die Franzosen verstanden irgendetwas falsch oder dachten an das Parfüm, so wurde er im Pass zu Joseph Chanel.

Kindergeld für Alkohol und Benzin

Er liegt in einer Hängematte, die Lesebrille baumelt auf der nackten Brust, er trägt nur einen Lendenschurz aus rotem Stoff. Am Arm hat er eine Golduhr. Wenn man so will, ist er der Chef der „Euro-Indianer“.

„Ich bin hier geboren und werde hier sterben“, sagt Chanel. Die hier seit Jahrhunderten lebenden Wayapi sind Wanderer zwischen den Welten, sie kennen keine Grenzen. Aus der Hängematte kann Chanel über den Rio Oiapoque rüber nach Brasilien schauen. Rund 800 der 1800 Bewohner in Campoi sind Indigenas. Nicht wenige stammen von der brasilianischen Seite, sie kamen, damit die Frauen hier ihre Kinder zur Welt bringen. „Es gibt 400 bis 1200 Euro an Kindergeld, je nach Alter und Anzahl“, erzählt Chanel. Hinzu kommen weitere Sozialhilfen aus Frankreich.

Das Geld wird oft in Alkohol auf der anderen Seite im günstigeren Vila Brasil investiert, oder auch in Benzin und Diesel – in der Gegend sind viele Goldsucher aktiv, die Sprit für die Motoren und Diesel für Stromgeneratoren brauchen – und mit dem eingesetzten Quecksilber die Flüsse kontaminieren. Eine bizarre Amazonas-Ökonomie.

Alkohol-Problem beschäftigt Präsidenten

Wayapi sind abends in Vila Brasil an Tischen mit Dutzenden geleerten Bierdosen zu sehen, hindämmernd, die Kinder spielen auf der Erde. Unisono wird von hohen Selbstmordraten unter den Wayapi berichtet.

Der 300-Einwohner-Ort ist der einzige im 207-Millionen-Einwohner-Land Brasilien, wo der Euro das Zahlungsmittel ist. Das Alkoholproblem habe bereits mehrere Präsidenten beschäftigt, betont Chanel – einmal wurde sogar Nicolas Sarkozy per Hubschrauber eingeflogen. Er schenkte dem Dorf einen Motor für ein Boot. Der Motor wurde später von der Polizei an einem Boot entdeckt, das massenhaft Benzin schmuggelte.

Im Oktober war auch Präsident Emmanuel Macron in Französisch-Guayana, schon mehrfach gab es Überlegungen, das Kindergeld in Camopi nicht mehr auszuzahlen, sondern per Zahlkarte an bestimmte Sachleistungen und Lebensmittel zu koppeln. „Aber passiert ist bisher nichts“, sagt Chanel. Er erhebt sich aus der Hängematte, läuft in blau-weißen Badeschlappen und seinem roten Schurz zum Holzhaus, es steht auf Pfählen, zum Schutz gegen Hochwasser. Seine beiden Enkelkinder kommen angerannt, sein ganzer Stolz. Ob sie später bleiben werden?

Nirgendwo hat die Europäische Union einen Ort wie diesen. Es gibt einen Gendarmerie-Posten, auf der Theke stehen Gläser mit eingelegten Schlangen. Draußen springt in einem Gehege ein Äffchen umher, das die Polizei vor dem Grill bewahrt hat, Affenfleisch ist begehrt. Und auf der Wiese steht ein halbes Boot, senkrecht aufgestellt, im Bug hängt oben eine Karte mit Einschusslöchern – der Schießstand der Polizei.

Hier gibt es keine Passkontrollen, die Indigenas pendeln zwischen Südamerika und EU, das hier ist eigentlich gar nicht ihre Welt. Die Leiterin der Grundschule, Marianne Mayet, stammt aus Südfrankreich, sie macht sich viel Gedanken über diese sonderbare Welt. Eine elegante Frau mit viel Grandezza, immer im schicken Kleid. Auch am Ende der Welt gelte es, Stil und Ordnung vorzuleben. Sie fragt sich mit Blick auf die Indigenas, „ob die Schule gut für sie ist“. Letztlich handele es sich um Kolonisierungskonzept. Eigentlich hätten die Wayapi ein sehr reiches Universum, erzählen ihre Träume, leben mit dem Wald. Camopi sei der Versuch, die als Nomaden lebenden Wayapi sesshaft zu machen. „Sie verlieren ihre Kultur, ihre Sprache, verlernen das Töpfern, Fischen und Jagen“, fürchtet Mayet.