Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 31.12.2017


Exklusiv

Tirols Hausärzte wollen mehr Teamarbeit

Bis 2021 sollen in Österreich 75 Primärversorgungszentren entstehen. Tirol ist bei der Umsetzung noch Schlusslicht, Eine neue Studie zeigt, was sich hier Hausärzte wünschen.

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Von Liane Pircher

Innsbruck – Dass bis 2025 fast die Hälfte der österreichischen Allgemeinmediziner in Pension geht und es gleichzeitig an Nachwuchs mangelt, ist ein längst bekanntes Faktum. Auch die neue Regierung will an dem Plan, die Allgemeinmedizin durch vermehrte Teamarbeit – in Form so genannter Primärversorgungszentren – zu stärken, nicht rütteln. Hausärzte soll es auch in Zukunft geben, aber vorrangig in Teams.

Gleichzeitig hinkt es an der Umsetzung bzw. verlaufen erste Schritte in diese Richtung nicht in allen Bundesländern gleich schnell. Ein Blick auf den online verfügbaren Atlas der Primärversorgung in Österreich zeigt, dass Tirol mit zwei Einheiten vertreten ist. Nachdem die Triage­ambulanz der Tirol Kliniken aber kein echtes Primärversorgungszentrum und das Netzwerk Schwaz erst in Planung ist, lässt sich aus den Unterlagen schlussfolgern, dass Tirol österreichweit hier bei der Umsetzung Schlusslicht ist. Dass bis dato nur ein Bruchteil der Tiroler Ordinationen, nämlich gerade einmal 20 Prozent, im Sinne der geplanten Reformen des Primärversorgungssystems arbeiten, zeigt eine neue Tiroler Studie. Für diese wurden 87 niedergelassene Allgemeinmediziner befragt. Die Studie zeigt auch, dass seitens der Hausärzte ein großer Wunsch nach mehr Teamarbeit besteht: „Die Schaffung von Primärversorgungszentren ist nicht überall gleichermaßen sinnvoll, aber unsere Studie zeigt, dass der Wunsch nach Gemeinschaftspraxen und besseren Vertretungsregelungen bei den Hausärzten sehr groß ist“, sagt Herbert Bachler, einer der beiden Studienautoren. Für den Präsidenten der Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin ein Beweis, dass das alte Bild des Hausarztes als Einzelkämpfer weitgehend ausgedient hat: „Den Hausarzt wird es noch geben, aber verschiedenste Kooperationsformen werden vermehrt kommen, denn die junge Generation will eine andere Situation, wenn es um das Zusammenspiel Familie und Arbeit geht.“

Der Vorteil von Gruppenpraxen, in denen auch andere medizinische Berufsgruppen wie etwa diplomiertes Pflegepersonal inkludiert ist, liege auch für die Bevölkerung auf der Hand: „Momentan gibt es nur sehr wenige Ordinationen, die am Tagesrand oder zu Mittagszeiten geöffnet haben. Viele der befragten Ärzte sehen mit neuen Netzwerken auch mehr Potenzial für flexiblere Öffnungszeiten“, so Bachler.

Ärzte, die sich zusammenschließen wollen, bräuchten aber mehr Unterstützung, sagt Bachler. Um junge Turnusärzte auch wirklich in Ordinationen holen zu können, bräuchte es Geld für Lehrpraxen. Salzburg gehe hier mit gutem Beispiel voran, dort würden niedergelassene Ärzte, die sich einen Turnusarzt holen, aus eigener Tasche „nur“ zehn Prozent des Bruttogehaltes zahlen müssen: „Das ist eine gute Unterstützung und ein Anschub, der hilft, jungen Medizinern Lust auf die Allgemeinmedizin zu machen“, sagt Bachler. Die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin wäre überhaupt ein gutes Ziel. An Interesse würde es nicht fehlen. Das würden Mentoring-Programme für Medizinstudenten an der Uni zeigen, „man muss nur dranbleiben, damit das Interesse am Hausarztsein nicht verhungert“. Mit einem weinenden Auge sieht Bachler hier die Tatsache, dass in Tirol – trotz Absichtserklärungen – bis dato kein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Medizin-Uni Innsbruck (MUI) existiert: „Als Fachgesellschaft haben wir starke Hoffnung, dass mit dem neuen Rektorat dieser Plan bald umgesetzt wird.“ Eine Hoffnung fürs neue Jahr.