Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.01.2018


Innsbruck-Land

Nach Felssturz: Die Sache mit der Angst in Vals

Dreieinhalb Wochen nach dem Felssturz soll die Familie Wieser in ihr Haus in Vals zurückkehren können. Ab Montag werden Panzersperren aufgestellt. Doch ein Lokalaugenschein am Freitag zeigt: Der Berg bewegt sich immer noch.

© rappAnnemarie und Ludwig Wieser können bislang noch nicht in ihren Hof (linkes Haus) in Vals zurück.



Von Irene Rapp

Vals – Vom Fenster aus können Ludwig und Annemarie Wieser direkt auf ihr Zuhause hinübersehen. „Der Weihnachtsbaum steht immer noch. Aber das war kein richtiges Weihnachten“, erzählt die 52-Jährige.

„Nur noch ein paar Hühner und zwei Katzen sind im Haus“, ergänzt der 76-jährige Ludwig Wieser. Hatten die zwei und ihre Tochter noch am Heiligen Abend das Gebäude verlassen müssen, wurden wenige Tage nach dem Felssturz vom 24. Dezember auch die acht Kühe der Familie zu anderen Bauern gebracht. „Da habe ich geweint“, erzählt der stolze Viehbesitzer, der mit seiner Familie Zuflucht beim Bruder in dessen Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite gefunden hat.

Annemarie und Ludwig Wieser sind bei ihrem Bruder untergebracht, von dort aus können sie auf ihren evakuierten Hof sehen
- Rapp

Nun schauen die Wiesers immer wieder hinauf zu ihrem Hof, einige Meter rechts davon donnerten vor über drei Wochen 117.000 Kubikmeter Fels zu Tal. „Eigentlich hat man das gar nicht so laut gehört“, erinnert sich Annemarie Wieser. Das viele Material verschüttete die Landesstraße, 40 Menschen wurden noch am selben Abend evakuiert. Die meisten konnten kurz darauf wieder zurückkehren, derzeit sind nur noch zwei Häuser nicht freigegeben – jenes der Familie Wieser sowie das Haus eines weiteren Valsers.

„Natürlich herrscht nach dem Felssturz ein wenig Angst im Tal“, erzählt der Valser Bürgermeister Klaus Ungerank am rechten Ausläufer der riesigen Felslawine stehend, die auch Bäume mitgerissen hat.

Wenn man zu der Felswand hinaufschaut, sieht man die riesige Abbruchstelle. Und wenn man leise ist, kann man immer wieder Material zu Boden fallen hören. „Die Spalten öffnen sich weiter“, weiß Landesgeologe Gunther Heißel, der seit dem 24. Dezember viele Erkundungsflüge über dem betreffenden Gelände gemacht hat. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde am Donnerstag der Berg mit speziellem Messgerät „verkabelt“. Seitdem können Felsbewegungen genau gemessen werden.

Dass die Wand allerdings schon vor dem 24. Dezember Probleme gemacht hat, zeigen die Fangnetze, die am Talboden angebracht sind. „Im Oktober 2017 ist hier etwas Kleineres auf die Straße herabgegangen“, berichtet Heißel. Eine Spezialfirma war damals schon mit Felsräumarbeiten an der besagten Wand tätig gewesen und hatte festgestellt, „dass diese in einem schlechten Zustand ist“. Dass sich wenige Wochen darauf so viel Material in Bewegung setzen würde, sei aber nicht absehbar gewesen. „Davon bin ich zutiefst überzeugt“, betont Heißel. Aber auch in den Jahren zuvor hätte es hier immer wieder gebröckelt. „Wir wollten schon länger eine Verbauung haben“, erzählt Ungerank. Jetzt wird man um diese Maßnahme wohl nicht mehr herumkommen.

Bürgermeister Ungerank vor dem rechten Ausläufer des Felssturzes.
- Rapp

Die Wiesers indes wollen von ihrem Bürgermeister vor allem eines wissen: wann sie denn wieder in ihr Haus zurückkehren können. Von Behördenseite aus ist die weitere Vorgehensweise klar.

Noch am Freitag wurden die ersten Panzersperren des Bundesheeres in das Tal gebracht, am Montag sollen – nach Freigabe durch die Landesgeologie – die Arbeiten beginnen. Dann werden hinter den zwei evakuierten Häusern im Ortsteil Niederwiese im Valsertal 160 dieser massiven Elemente in zwei Reihen aufgestellt und durch Stahlketten verbunden. „Diese Methode hat sich bereits nach dem Felssturz 2003 in Gries im Sellrain bewährt“, sagt Heißel. Sollte sich der Berg noch einmal mehr in Bewegung setzen, sollen diese Panzersperren das Material ausbremsen.

„Nur noch wenige Tage“, sagt Bürgermeister Ungerank zu den Wiesers und die sind wieder ein wenig optimistischer. „Lieber früher als später“, sagt Ludwig Wieser. Und nur Ehefrau Annemarie gesteht ein, dass die Tochter noch Angst hat und dass diese möglicherweise auch durch Panzersperren nicht ganz beseitigt werden könne.

Auf der verschütteten Landesstraße indes hat man noch nicht mit den Aufräumungsarbeiten beginnen können. Mehrere Meter hoch türmt sich hier das zu Tal gekommene Material, noch in den Feiertagen wurde ein Notweg auf der gegenüberliegenden Talseite gebaut, um die Bewohner im hinteren Valser Tal nicht auszusperren. „Seit Schulbeginn gibt es einen Shuttledienst, den sowohl Schüler als auch Anrainer benutzen können“, berichtet Ungerank.

Wenn die Lage wieder sicher ist, soll die Straße geräumt werden und mit dem Material ein Schutzdamm gebaut werden. Doch noch ist es nicht so weit und schon wieder hört man Steine ins Tal fallen. In unmittelbarer Nähe des Felsabbruches sieht man auch neu gebaute Häuser. Und auch wenn man hier im Valsertal gewohnt ist, dass immer wieder einmal ein Stein von oben kommt, kann man verstehen, dass die Menschen jetzt vielleicht ein wenig unruhiger schlafen.

„Ich kann das gut verstehen, immerhin gibt es im Tal mehrere neuralgische Plätze“, sagt Gunther Heißel. Und er versucht zu beruhigen: Es sei sehr unwahrscheinlich, dass sich irgendwo anders im Tal – „in für uns relevanten Zeiträumen“ – ein derart ähnlich heftiger Felssturz ereignen würde. Nachsatz: „Aber etwas Kleineres ist natürlich nicht auszuschließen.“

Doch vorerst könnten die Leute im Ortsteil Niederwiese ruhig schlafen. Nur nach massivem Schneefall könnte sich das Blatt wenden: „Denn dann haben wir hier quasi eine Schussbahn und man muss wieder evakuieren.“

Für Ludwig Wieser indes ist die Sache klar. Er will nirgendwo anders hin, schnell wieder auf seinen Erbhof zurück. Um dann endlich wieder seine Tiere heimzuholen.