Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.01.2018


Südamerika-Reise

Franziskus will die Kirche auf Kurs bringen

Papst Franziskus weist seiner Kirche in Chile und Peru den Weg: an die Brennpunkte.

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© Heindle



Santiago, Lima – Die aktuelle Südamerika-Reise von Papst Franziskus gilt als besonders heikel. Mit Chile und Peru hat der 81-Jährige zwei Länder ausgewählt, in denen die Kirche im Zwielicht steht. Es geht etwa um sexuellen Missbrauch und um Teile des Klerus, die nicht auf der Seite der einfachen Menschen stehen, sondern mit den Mächtigen kooperiert haben – von Diktatoren bis Konzernen.

Vor dem Eintreffen des Papstes in Chile gab es Brandanschläge auf Kirchen. Sie werden militanten Aktivisten der Mapuche-Indianer zugeschrieben, die um ihr Land kämpfen. Antwort des Papstes: Er flog gestern direkt in das umstrittene Gebiet. Schon zuvor hatte er gefordert, Rechte und Kultur der Indianer zu achten und von ihrer Weisheit zu lernen.

Franziskus entschuldigte sich in Chile auch für sexuellen Missbrauch durch Geistliche und besuchte ein Frauengefängnis. Die längste Ansprache allerdings widmete er 3000 Priestern und Ordensleuten bei einem Treffen in Santiagos Kathedrale.

„Wir sind keine Superhelden, die sich von den Höhen herabbeugen, um den einfachen Sterblichen zu begegnen“, sagte das Kirchenoberhaupt. Und leitete aus dem Eingeständnis der eigenen Schwächen und Fehler einen Auftrag ab: „Eine verwundete Kirche kann die Wunden der Welt von heute verstehen.“

Heute reist Franziskus weiter nach Peru. „Die Leute erwarten viel vom Papst“, sagte der u.a. in Innsbruck ausgebildete Priester und Schriftsteller Luis Zambrano der TT. Auch in Peru trifft das Kirchenoberhaupt auf politische Probleme – aktuell etwa die Begnadigung von Ex-Präsident Alberto Fujimori, der u.a. für Menschenrechtsverletzungen und Korruption verantwortlich gemacht wird.

Zambrano betont, dass Franziskus auch in Peru an gesellschaftliche Brennpunkte gehen will, etwa in die von Kriminalität geplagte Stadt Trujillo. „Er will sogar mit Indigenen zusammen essen.“

Der Befreiungstheologe hält Franziskus für ein „Geschenk an die Kirche und die Welt“ – weil er „menschliche Gesten setzt und immer den Kontakt zu den Menschen sucht“. Der neue Papst habe auch mit der Tradition in Lateinamerika gebrochen, Mitglieder des ultrakonservativen Opus Dei zu Bischöfen zu machen.

Nach Ansicht von Zambrano versteht der gebürtige Argentinier im Papstamt die Situation in Lateinamerika besser als seine Vorgänger. „Ich habe nie geglaubt, dass ein solcher Papst kommen wird.“ Allerdings gibt Zambrano zu bedenken, dass man die Botschaften des Papstes auch hören müsse. „Es hängt von uns ab, ob wir das auch ernst nehmen.“ (floo, APA)

Zur Person: Luis Zambrano

Luis Zambrano ist Pfarrer in Juliaca in der Nähe des Titicaca-Sees. Er leitet das Menschenrechtsbüro „Federh" (Fé y Derechos Humanos, Glaube und Menschenrechte), das Opfer von Missbrauch und Gewalt unterstützt. Zu den Sponsoren gehört die Aktion SEI SO FREI der Katholischen Männerbewegung, die das Gespräch mit Zambrano vermittelte. Er hat von 1977 bis 1981 in Innsbruck Theologie studiert und lebte damals im Canisianum. Darauf angesprochen, betonte er vor allem die freundliche Aufnahme und die intellektuelle Offenheit.