Letztes Update am So, 28.01.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Brauchen doppelt so viele Pädagogen“ für Sprachförderung

Die Politik setzt auf mehr Deutschklassen in Schulen. Das sei für eine gute Sprachförderung zu spät, sagen Experten. In den Kindergärten fehlen notwendige Ressourcen – auch in Tirol.

© iStockDer Kindergarten wird stärker als Bildungseinrichtung - auch in sprachlicher Hinsicht – aufgewertet: "Zu wenig", sagen Experten.



Von Liane Pircher

Innsbruck, Wien – Kinder mit Deutschdefiziten sollen künftig stärker gefördert werden, das ist ein Ziel der Regierung. Am besten sollten Kinder schon vor Schuleintritt Deutsch können. Gezielte Unterstützung von Drei- und Vierjährigen mit Sprachproblemen ist derzeit im Kindergarten aber nur schwer möglich, beklagt Raphaela Keller, Präsidentin des Berufsverbandes für Kindergarten- und HortpädagogInnen. Es würde zwar seit Jahren einiges in Sachen Sprachförderung in den Kindergärten und Volksschulen passieren, aber zu wenig. „Das Thema Sprachförderung und -entwicklung ist ein großes Gebiet, das viel umfasst. Fakt ist, dass es genügend Zeit und Beziehung braucht, um sinnvoll mit Kindern arbeiten zu können“, sagt Keller.

Momentan würden die Rahmenbedingungen fehlen, um wirklich gut arbeiten zu können: „Egal, um welche Nationalität es sich handelt, es gibt auch Kinder mit österreichischem Pass, die Defizite in der Sprache haben. In Wahrheit bräuchten wir viel mehr multiprofessionelle Teams“, sagt Keller. Fakt sei, dass es überall zu viele Kinder pro Pädgagogen gebe. Dass Tirol mit im Schnitt 20 Kindern pro Pädagogin hier etwas unter dem Österreich-Schnitt (mit 25 pro Kopf) liegt, sei zwar zu begrüßen, aber auch das sei zu viel: „Wir fordern schon lange sieben Kinder pro ausgebildete Pädagogin, bei jüngeren Kindern sollte das Verhältnis 1:3 sein“, sagt Keller. Momentan passiere zwar insgesamt eine Aufwertung der Elementar-Pädagogik, trotzdem müsste der Kindergartenbereich von den Ländern und Gemeinden zum Bund kommen, um hier endlich einheitliche Standards schaffen zu können: „Je nach Region finden die PädagogInnen verschiedene Rahmenbedingungen vor, die einen haben null Stunden für Vorbereitung oder Reflexion, andere zwei oder mehr. So kann es nicht funktionieren – auch nicht mit der Sprachförderung“, kritisiert Keller.

Wenn Kindergärten als Bildungseinrichtungen ernst genommen werden sollen, dann „bitteschön richtig und mit den dafür notwendigen Ressourcen“. Das würde auch die Zusammenarbeit mit den Volksschulen und den Übertritt erleichtern. Dass Deutsch der richtige Schlüssel zur Integration sei, zeigen alle Studien zu diesem Thema, betont auch der Innsbrucker Bildungswissenschafter Bernhard Koch. Auch wenn mit sechs Jahren der Spracherwerb Deutsch noch nicht abgeschlossen sei, gelte der Grundsatz: „Je früher, desto besser“.

Koch: „Der Umstand, dass in Österreich laut PISA-Studie fast ein Viertel der Jugendlichen nicht sinnerfassend lesen kann, hat nicht nur etwas mit der Schule und dem familiär-sozialen Umfeld zu tun, sondern auch mit dem Kindergarten und der Krippe als ,erste Bildungseinrichtung‘“, so Koch. Es bräuchte hier dringend mehr Ressourcen, insbesondere für so genannte „Brennpunktkindergärten“ mit erhöhtem Migrationsanteil.

Zahl betroffener Schüler wird erhoben

„Ich begrüße alle Maßnahmen, die dazu angetan sind, Deutschkenntnisse zu verbessern“, sagt Landesschulratspräsidentin Beate Palfrader zu den Plänen, Deutschförderklassen einzurichten. Deren Erfolg sei aber von den gesetzlichen Vorgaben und der konkreten Ausgestaltung, vor allem aber von den dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängig.

In Tirol werden an allgemeinen Pflichtschulen derzeit 11.287 Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache unterrichtet, an weiterführenden Schulen sind es 2832 Schüler. Diese Zahlen sagen aber nichts darüber aus, wie viele dem Unterricht wegen unzureichender Sprachkenntnisse nicht folgen können. Palfrader: „Viele beherrschen die deutsche Sprache sehr wohl. Andererseits gibt es auch Kinder österreichischer Eltern, die einer besonderen Sprachförderung bedürfen.“

Bei Einführung der Deutschförderklassen soll erhoben werden, wie viele Schüler tatsächlich betroffen sind.

Das Land hat aus eigenen Mitteln insgesamt 150 Planposten geschaffen, die für sonderpädagogischen Förderbedarf, Klassenteilungen und Doppelbesetzungen im Unterricht eingesetzt werden, erinnert die Bildungslandesrätin. Getrennt von den Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache an Pflicht- und weiterführenden Schulen sind die Jugendlichen zu sehen, die eine Übergangsklasse besuchen. Sie waren für Flüchtlinge von 15 bis 19 Jahren eingerichtet worden, die nicht mehr schulpflichtig sind, und werden derzeit an zwölf Standorten nach einem eigenen Lehrplan geführt. Insgesamt 224 Jugendliche besuchen eine Übergangsklasse. (ms)

Viele Konzepte zur Sprachförderung

Das Jugendrotkreuz hat schon vor Jahrzehnten damit begonnen, Kinder mit Schwierigkeiten in der Schule zu unterstützen, und damit eine Vorreiterrolle in Tirol eingenommen. Eines der Projekte ist die 1995 ins Leben gerufene integrative Lern- und Hausaufgabenbetreuung WiKi – Wir für Kinder mit Jugendlichen, die damit die „Lernmütter“ ablösten. Seither wurden rund 570 Volksschulkinder von eigens geschulten jungen Leuten betreut, die dafür freiwillig ihre Zeit zur Verfügung stellen.

„Die Lehrer wählen gezielt Kinder an ihrer Schule aus, die davon profitieren könnten“, sagt Philipp Schumacher, Landesgeschäftsführer vom Jugendrotkreuz. „Das sind Schüler, die ihre Aufgaben daheim ohne Hilfe nicht bewältigen könnten. Bei uns finden sie Verständnis und Unterstützung.“ Wie die Erfahrung gezeigt hat, schaffen es damit die meisten, die erforderlichen schulischen Leistungen erbringen zu können.

Im Lernraum in der Hofburg, wo auch die Büros des Jugendrotkreuzes untergebracht sind, werden pro Jahr rund 25 Kinder betreut. „Wir könnten noch mehr aufnehmen, bräuchten dafür aber größere Räumlichkeiten.“

Sehr erfolgreich und inzwischen schon an 40 Schulen – 38 Volks- und zwei Mittelschulen – in ganz Tirol im Einsatz ist die vor 14 Jahren gegründete Lernhilfe. Eigens geschulte Pädagogen kommen am Nachmittag an diese Schulen, um vor allem mit Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache zu arbeiten. „Dafür haben wir mit einem Experten, einem Psychologen, ein eigenes Sprachförderkonzept entwickelt und bieten auch einen Sprachförderlehrgang an.“

In den vergangenen Jahren wurden mehr als 600 Pädagogen entsprechend ausgebildet. „Wir haben alle Lehrer dazu eingeladen, aber auch Kindergartenpädagogen.“ Der Bedarf sei immens. „Die Qualifikation der Lehrer ist entscheidend, das müsste schon in der Ausbildung berücksichtigt werden. Niemand sollte die Pädagogische Hochschule oder die Uni verlassen, ohne die Fähigkeiten zur Sprachförderung zu beherrschen.“ Derzeit seien viele überfordert.

Ein weiteres Projekt ist die 2016 eingeführte Sommerschule für rund 120 junge Flüchtlinge. Auch für dieses Jahr sind je zwei Wochen Schulvorbereitung für Schüler aus Volksschulen und Neuen Mittelschulen in Innsbruck geplant. (ms)