Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Exklusiv

Heiraten, Babys, Wohnen: Wohin sich Tirol entwickelt

Der Mai lockt am meisten Pärchen ins Standesamt. Die Zahl der Eheschließungen ist aber seit 1975 rückläufig, die Scheidungsrate hat sich seitdem verdoppelt. Das fordert den Wohnungsmarkt und die Pflege.

© iStockRund 3000 Paare heiraten in Tirol pro Jahr. 20 Prozent der Ehen werden nach weniger als fünf Jahren wieder geschieden.



Von Anita Heubacher

Innsbruck — Eine der Folgen des Wonnemonats Mai lässt sich an der Geburtenrate ablesen. Die ist in Tirol zuletzt um 0,4 Prozent gestiegen. 7612 Neugeborene kamen 2016, das sind die aktuellsten Zahlen des Landes, in Tirol zur Welt. Die Anzahl der ehelichen Babys hat um 0,3 Prozent auf 4093 zugenommen. Im heiligen Land Tirol liegt die Unehelichenquote bei 46 Prozent, in Kärnten oder der Steiermark ist sie höher.

Auch wenn im Mai besonders viele Brautpaare zu sehen sind, trügt der Schein. Seit 1975 ist die Zahl der Eheschließungen in Tirol rückläufig und hat sich laut Landesstatistik bei rund 3000 Hochzeiten im Jahr eingependelt. Ein Plus in den Aufzeichnungen ist unromantischerweise nicht der Liebe, sondern der Methodik zur Erhebung geschuldet. Seit 2015 zählt die Landesstatistik auch die Tiroler Paare, die im Ausland geheiratet haben.

Verdoppelt hat sich seit 1975 die Scheidungsrate. Sie lag 2016 in Tirol bei 37,5 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 36,4 Prozent. Das bedeutet, dass in Tirol jede dritte Ehe aufgelöst wird, 20 Prozent der Ehepaare halten es weniger als fünf Jahre miteinander im Bund der Ehe aus.

Die hohe Scheidungsrate gepaart mit einer Überalterung der Gesellschaft ergibt einen hohen Bedarf an Ein- und Zweizimmerwohnungen und stellt die Pflege vor eine riesige Herausforderung. Eine ebensolche haben auch Hochzeitsplaner zu meistern. Es wird vielleicht weniger geheiratet, dafür aber mehr in die Inszenierung investiert. Auch das ist ein zeitgeistiges Phänomen.

1. WENIGER, ABER MEHR. „Der Trend geht hin zum pompösen Fest", sagt Hochzeitsplanerin Christiane Rinner. Die Oberländerin hat bereits zweimal den Austrian Wedding Award, eine österreichweite Auszeichnung für Hochzeitsplaner, gewonnen. Heiraten könne man mit jedem Budget und in jedem Rahmen, doch die Ansprüche würden steigen, sagt die Fachfrau. „Hochzeiten werden wie ein Event inszeniert. Ein Paar hat dafür 60.000 Euro ausgegeben", erzählt Rinner, die pro Jahr rund 15 Paare betreut. Spielarten für eine Inszenierung bis ins Detail gibt es genug: Kutsche, Taube, Shuttlebus mit den Konterfeis des Brautpaares, Blumenkinder, die im selben Outfit wie der Bräutigam oder die Braut auftreten, aufwändige Give-aways für die Hochzeitsgäste und eine Candy-Bar. Die Süßigkeiten-Bar sei derzeit der letzte Schrei bei den Hochzeiten, sagt Rinner. Warum so viel Aufwand betrieben wird, erklärt sie so: „Im gleichen Alter heiraten alle Freundinnen. Die Hochzeit muss perfekt und anders als bei der Freundin sein."

Ein bis eineinhalb Jahre vor dem Schritt zum Traualtar würden die meisten Paare mit der Planung der Hochzeit beginnen. „Wenn man den Top-Fotografen, die Top-Location und die beste Band will, muss man früh genug dran sein."

2. DER WOHNUNGSMARKT. Dass die Romantik in vielen Fällen nicht ewig hält, sieht man in der Landesstatistik. Die allermeisten Haushalte in Tirol sind mit 114.000 Singlehaushalte. Das sind 35 Prozent der insgesamt 322.000 Haushalte.

Seit 2004 ist der Anteil von Einpersonenhaushalten in Tirol von 30,8 auf 35,4 Prozent gestiegen.
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Neben den Scheidungen würde die Überalterung der Bevölkerung den Bedarf an Ein- bis Zweizimmerwohnungen und an betreutem Wohnen stetig steigen lassen, erklärt Markus Pollo, Geschäftsführer der Neuen Heimat Tirol. In Innsbruck seien 70 Prozent der Wohnungen Ein- bis Zweizimmerwohnungen. In den Bezirksstädten seien es 50 bis 60 Prozent. Am Land sei der Anteil geringer.

500 Wohnungen baut die Neue Heimat pro Jahr in Tirol und saniert Wohnungen von alten Menschen. 700 bis 1000 Wohnungen würden so im Jahr in Tirol auf den Markt kommen. „Gefragt sind in sich geschlossene Appartements mit Bad und Küche zwischen 18 und 25 Quadratmetern", sagt Pollo. Interessenten seien Geschiedene, alte, aber auch junge Menschen. Eltern würden in kleinen Start-up-Wohnungen oder Garçonnièren ein Vorsorgemodell für ihre Kinder sehen. „Steht der 18. Geburtstag bevor, lassen Eltern ihr Kind für eine Wohnung auf der Liste vormerken", erklärt Pollo. Die Nachfrage nach klassischen Studenten-WGs gehe hingegen zurück. Küche oder gar das Bad teilen, liege auch bei den Jungen nicht mehr im Trend. Vierzimmerwohnungen würden nicht mehr nachgefragt.

In der Landesstatistik liest sich das so: Gerade einmal 14.400 Fünfpersonenhaushalte gibt es noch in Tirol. Tendenz seit Jahren sinkend.

3. DIE ALTENPFLEGE. In Österreich nimmt die Zahl der über 75-Jährigen bis 2030 um die Hälfte zu. Derzeit werden 75 Prozent der zu Pflegenden zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt. Steigt die Zahl der Einpersonenhaushalte, lässt das auch den Bedarf an zugekaufter Pflege steigen. „Immer mehr Singlehaushalte, die Demografie und auch die Abschaffung des Pflegeregresses sind Herausforderungen für die Pflege", sagt Gesundheits- und Pflegelandesrat Bernhard Tilg (ÖVP). Im Tiroler Strukturplan Pflege lässt sich diese Entwicklung herauslesen. Sowohl die Zahl der Pflegebetten als auch die mobile Pflege werden ausgebaut. Bereits in den letzten fünf Jahren sei die Pflege zu Hause um rund 30 Prozent verstärkt worden. Viele Pflegeexperten meinen, das sei zu wenig und würde nicht ausreichen.

75 Prozent der zu Pflegenden werden derzeit von den Angehörigen zu Hause gepflegt.
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Wo die Reise hingehen soll? Landesrat Tilg verweist auf das neu gebaute Wohn- und Pflegeheim in Natters. Dort sind 40 Pflegebetten, acht Tagesbetreuungsplätze, um die Angehörigen zu entlasten, 14 Einheiten für betreutes Wohnen und eine Arztpraxis unter einem Dach angesiedelt worden. Wie viele solcher Einrichtungen es in ganz Tirol bräuchte, lässt Tilg eruieren.