Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Gesellschaft

Innsbruck abseits der Trampelpfade

In einem neuen Stadtführer, der sich vor allem an Einheimische richtet, lenkt Autorin Susanne Gurschler den Blick auf scheinbar Unscheinbares – von verborgenen Gletscherspuren bis hin zu geneigten Straßenlampen.

© GurschlerDer neue Entdeckungsführer rückt 111 weniger bekannte Innsbrucker Orte in den Fokus - von der "Eisorgel" in der winterlichen Sillschlucht...



Von Michael Domanig

Innsbruck – „In Innsbruck gibt es viel zu entdecken, auch scheinbar nebensächliche und abseitige Orte erzählen spannende Geschichten“, meint Susanne Gurschler. Eine Auswahl solcher Sehenswürdigkeiten, die sonst in der zweiten Reihe stehen, hat die Journalistin und Autorin in einem neuen Führer versammelt: „111 Orte in Innsbruck, die man gesehen haben muss“ (Emons Verlag) richtet den Fokus auf Gebäude, Kunstdenkmäler und Naturphänomene, aber auch besondere Handwerksbetriebe und Lokale. „Letztlich sind es der eigene Blick und die eigenen Interessen, die einen leiten“, sagt Gurschler, die im Zuge monatelanger Recherchen alle Orte auf ausgedehnten Spaziergängen besucht hat.

Dabei habe es auch für sie selbst „Aha-Erlebnisse“ gegeben – z. B. den „faszinierenden Blick in die Prähistorie“, den ein kleiner „Gletschertopf“ im Ullwald nördlich des Reitsportzentrums Igls erlaubt: Das rund ausgeschliffene Loch in einem Felsblock wurde einst von den Schmelzwasserstrudeln eines eiszeitlichen Gletschers geformt.

... über ein mit Buchtiteln verziertes Dichterinnengrab am Mühlauer Friedhof ...
- Gurschler

Ganz andere Perspektiven eröffnet die denkmalgeschützte Volksschule Pradl-Ost (ehemalige Siegmairschule), „ein spannender architektonischer Komplex“, wie Gurschler schwärmt. Das Architektenpaar Charlotte und Karl Pfeiler brachte die Idee eines Schulcampus mit großzügigen Freiflächen – teilweise direkt von den Klassenzimmern aus zu begehen – aus den USA mit und setzte sie auf ca. 30.000 m² exemplarisch um. Zugleich spielt Kunst am Bau im gesamten Schulareal eine große Rolle, davon zeugen Mosaike, Wandmalereien, bemalte Fenster und mehr.

Apropos Kunst am Bau: Die findet sich auch am Tivoli-Areal – etwa in Form eines charmanten Projekts von Robert Gfader, das vielen Passanten bisher entgangen sein dürfte: Straßenlampen aus sieben Innsbrucker Partnerstädten sind am Areal zu entdecken, in diversen Formen und Farben, wobei der Aufstellungsort der geographischen Lage der Städte zueinander und zu Innsbruck entspricht. „Außerdem sind die Lampen leicht geneigt – in Richtung ihrer Heimatstadt“, so Gurschler.

... bis hin zum "Buchstabenarchiv" der Grafikerin Karen Gleissner.
- Gerhard Berger

Begeistert war die Autorin auch vom allerersten Ort, an den sie ihre Recherchen im Jänner 2017 führten: An einer Felswand in der Sillschlucht, wenige Gehminuten von der Stahlbrücke entfernt, wächst im Winter eine eindrucksvolle „Orgel“ aus langen Eispfeifen. „Als ich die Eisorgel in der Früh besuchte, herrschte blaues Licht“, erinnert sich Gurschler. „Der Wind, der durch das Riesengebilde blies, und das Tropfen des Wassers waren fast wie Musik“ – ein geradezu mystischer Moment.

Ein „Must-see“ ist für Gurschler auch die historische Sternwarte in Hötting, die der Astronomieprofessor Egon von Oppolzer 1904 nach eigenen Plänen errichten ließ (Öffnungszeiten: Mi. 16.30 bis 18.30 Uhr). Vieles blieb dort nach seinem frühen Tod unverändert – „bei den höchst empfehlenswerten Führungen fühlt man sich daher auf einen Schlag in der Zeit zurückversetzt“, meint Gurschler.

Und so könnte sie noch viele besondere Orte aufzählen – vom „Buchstabenarchiv“ der Grafikerin Karen Gleissner, die alte Werbeschriftzüge und Leuchtreklamen vor dem Vergessen rettet (nur auf Anfrage zu besichtigen), bis hin zu einem berührenden Grab am Mühlauer Friedhof: Dort ruht nicht nur der berühmte Lyriker Georg Trakl, sondern auch die heute eher unbekannte Dichterin Anna Maria Achenrainer (1909–1972) – wobei die Titel ihrer Bücher das Grabkreuz zieren. „Sie hat sie also quasi mit ins Grab genommen“, sagt Gurschler.

Mit ihrem Buch möchte die Autorin „primär Einheimische ansprechen, die in Innsbruck noch speziellere Orte kennen lernen wollen“, ebenso Touristen, die abseits ausgetretener Pfade – und auch außerhalb der Altstadt – unterwegs sein wollen. „Mein Ziel“, bilanziert Gurschler, „ist, dass die Leute mit offenen Augen durch die Stadt gehen.“