Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.06.2018


Tirol

Vermisst in Tirol: 140 ungeklärte Schicksale

Etwa 300 Abgängigkeitsanzeigen sind allein heuer bei der Tiroler Polizei eingegangen. Der Großteil der Fälle konnte geklärt werden. Von 23 seit Anfang Jänner vermissten Menschen fehlt noch jede Spur.

Zwei Wochen lang hat das Verschwinden von Larissa B. (21) aus Reutte die Öffentlichkeit in Atem gehalten. Die teils auch privaten Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Dann stellte sich heraus, dass die Außerfernerin einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.

© Zoom-TirolZwei Wochen lang hat das Verschwinden von Larissa B. (21) aus Reutte die Öffentlichkeit in Atem gehalten. Die teils auch privaten Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Dann stellte sich heraus, dass die Außerfernerin einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck — Mehrere Anzeigen wegen Schwarzfahrens mit den Berliner Öffis: Das waren die letzten Lebenszeichen der Imsterin Christina S. „Doch seit Jänner herrscht Funkstille, wir haben seither nichts mehr von der 19-Jährigen gehört", sagt der Imster Polizei-Bezirkskommandant Hubert Juen. S., die bei ihrem Großvater lebte, wollte im September 2017 nach Innsbruck fahren. Dort ist sie allerdings nie angekommen. Zweieinhalb Monate fehlte jede Spur von der Oberländerin. Bis im November eigentlich unerfreuliche Post aus Berlin beim Großvater eingetroffen ist: ein Strafbescheid wegen Schwarzfahrens. Ob S. tatsächlich als blinde Passagierin in Berlin unterwegs war, ist nicht gesichert. „Wir wissen nur, dass sich jemand mit dem Reisepass der Abgängigen gegenüber den Kontrolloren ausgewiesen hat", sagt Juen. Und das mehrmals, wie weitere Strafbescheide in Großvaters Postkasten zeigen.

Christina S. ist eine von etwa 140 Tirolern, die seit den 70er-Jahren spurlos verschwunden sind. „Allein heuer hat die Tiroler Polizei etwa 300 Vermisstenanzeigen bearbeitet", sagt Katja Tersch, stv. Leiterin des Landeskriminalamtes. Wobei die Beamtin betont, dass die Anzeigen nicht mit vermissten Personen gleichzusetzen sind. Vor allem manche Jugendliche, die in Betreuungseinrichtungen leben, sind quasi Stammkunden in den Vermisstendateien. Weil die Betreuer sofort und vorschriftsmäßig Anzeige erstatten, wenn die Minderjährigen den Zapfenstreich missachten.

Vom Großteil der Abgängigen konnten die Beamten das Schicksal klären. „Meist handelt es sich um so genannte ,Kurzzeitabgängige'", die innerhalb weniger Stunden/Tage wieder aufgefunden werden können bzw. selbstständig zurückkehren", erklärt Tersch: „Darunter fallen häufig Minderjährige, die zudem oftmals mehrfach als abgängig gemeldet werden, aber auch Personen aus Alten- und Pflegeheimen bzw. Krankenhäusern." Alpinisten, die nicht rechtzeitig von ihren Bergtouren zurückkehren, zählen ebenfalls dazu. Ihr Schicksal kann meist innerhalb kurzer Zeit geklärt werden. Aber nicht immer: Allein am Mont Blanc sind vier Tiroler verschollen. „Eine abgelegene Schlucht oder eine Gletscherspalte können zum ewigen Grab werden", sagt LKA-Chef Walter Pupp. Auch in Tirols Bergen wartet noch so manches tragische Schicksal auf seine Klärung. Durch die Gletscherschmelz­e tauchen aber immer öfter die Gebeine von Personen auf, die Jahre bzw. sogar Jahrzehnt­e abgängig waren.

Von den etwa 300 Vermisstenanzeigen seit Anfang Jänner konnten 23 noch nicht geklärt werden: Bei den Abgängigen handelt es sich um acht Erwachsene und 15 Minderjährige (zwölf männlich, drei weiblich). Elf der Jugendlichen sind „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge". Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die jungen Flüchtlinge, ohne sich abzumelden, zu Verwandten oder Bekannten in ein anderes Land weitergereist sind. Ein Phänomen, mit dem die Tiroler Polizei seit dem Beginn der Flüchtlingswelle immer wieder zu tun hat.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Die Anzahl der Abgängigen ist konstant und liegt pro Jahr bei etwa 500 bis 600 Anzeigen. In wenigen Fällen ist ein Verbrechen die Ursache für das spurlose Verschwinden einer Person. Wie etwa bei der zweifachen Mutter aus Wörgl, die im Februar 2017 nicht mehr von der Arbeit zurückkam. Zwei Monate später wurde ihre Leiche aus dem Inn gezogen. Nach Ansicht des Innsbrucker Landesgerichts das Werk des Schwiegervaters, der im Jänner wegen Mordes verurteilt wurde.

Auch Tabita Cirvele aus Reutte könnte einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein. Von der gebürtigen Lettin fehlt seit September 2016 jede Spur. Erst kürzlich war das Verschwinden der ausgebildeten Schneiderin samt außerehelicher Liebesbeziehung Thema der TV-Sendung Aktenzeichen XY. Obwohl beim Landeskriminalamt in Innsbruck in der Folge einige Hinweise eingingen, gilt der Fall weiterhin als ungeklärt.

In Tirol noch immer in Erinnerung ist das tragische Schicksal der Reuttenerin Larissa B. Die 21-Jährige verschwand im September 2013 in Innsbruck. Zwei Wochen später gestand ihr Freund, die Frau erwürgt und in den Inn geworfen zu haben.

So sucht die Polizei Abgängige

Innsbruck — Eine Vermisstenanzeige, meist erstattet von Verwandten, Bekannten oder auch Quartiergebern, ist der Auftakt für polizeiliche Ermittlungen. In der Regel übernimmt zunächst die örtlich zuständige Polizeiinspektion den Fall. Dabei ist jeder Hinweis für die Beurteilung der Situation wichtig. Was dann geschieht, hängt von den Umständen ab. Handelt es sich beim Abgängigen um einen Bergsteiger, Tourengeher, Wanderer etc., starten die Beamten mit Berg- und eventuell auch Flugrettern eine Suchaktion. Gefahndet wird auch nach den abgängigen Personen, wenn ein Suizid, eine Gewalttat oder ein Unfall zu befürchten ist. Das gilt auch für Abgängige mit psychischen Erkrankungen und Minderjährige.

Doch nicht immer ist die Polizei in der Lage, eine gezielte Fahndung einzuleiten. Wenn ein Erwachsener unter ungeklärten Umständen einfach so verschwindet, sind die Möglichkeiten begrenzt. Abgängigkeit ist keine Straftat, Maßnahmen wie etwa das Überwachen von Kontobewegungen sind ohne Hinweis auf ein Verbrechen nicht erlaubt. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass Menschen ohne Rücksprache mit ihrem Umfeld für längere Zeit verreisen und dann unversehrt zurückkehren.

Auch wenn aufgrund fehlender Informationen keine konkreten Fahndungsmaßnahmen eingeleitet werden können, bleibt die Polizei nicht untätig. Die Daten der Abgängigen werden in das österreichische Informationssystem (EKIS) bzw. auch das Schengen-Informationssystem eingetragen und sind von den Behörden in allen Schengen-Staaten abrufbar.

Bei komplexeren Vermisstenfällen übernimmt das Landeskriminalamt die Ermittlungen von den örtlichen Inspektionen. Falls der Abgängige im Ausland vermutet wird, schaltet sich das Bundeskriminalamt (BKA) in Wien ein, das die Fahndungsersuchen an andere Staaten weiterleitet und sogar weltweite Fahndungen veranlassen kann. Über das BKA erfolgt auch der Austausch von DNA-Daten. (TT)