Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.06.2018


Tirol

„Junge Männer brauchen mehr Ermutigung zum Vatersein“

Von den „neuen“ Vätern wird heute viel gesprochen. Was sich Männer wünschen, wenn sie Vater sind, erleben Tirols Männerberatungsstellen.

© E+Kinder profitieren in ihrer Entwicklung von einfühlsamen Vätern, die mit ihnen Zeit verbringen. Das ist mehrfach bewiesen.Foto: iStock



Sie beraten Männer in allen Lebenslagen, darunter Väter. Was sind denn häufige Anliegen?

Martin Christandl: Viele Väter, die zu uns kommen, beschäftigen Erziehungsfragen oder Fragen zu Besuchsrechten. Wir erleben viele Väter, die über ihre Rolle als Vater reden und laut nachdenken wollen. Sie wollen eine bessere Vater-Kind-Beziehung leben, als sie es selbst erfahren haben.

Mit welchen Erziehungsproblemen haben Väter zu kämpfen?

Christandl: Sehr oft geht es um Konfliktsituationen mit halbwüchsigen Kindern. Viele haben das Gefühl, keinen Draht zum Kind zu haben, oft hängt den Vätern nach, dass sie in den ersten Lebensjahren viel weg waren. Wenn man keine tragfähige Bindung aufgebaut hat, kann man das später kaum nachholen. Es rechnet sich, wenn Väter in den ersten zehn Jahren da sind. Das ist wie ein Sparbuch, wenn man da investiert, hat man in schwierigen Jahren etwas von den Zinsen.

Bereuen das Väter?

Christandl: Von älteren Vätern hören wir oft, dass es ihnen leidtut, so wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht zu haben. Jüngere Väter unterstützen wir in ihrem häufig geäußerten Wunsch, dass sie gerade in den ersten Lebensjahren nicht ständig Überstunden machen. Ein Fünfjähriger unternimmt gerne etwas mit seinem Vater, Fünfzehnjährige sind bei Gleichaltrigen. Damit es auch in stürmischen Zeiten klappt, ist es wichtig, von Vätern zu erfahren: „Mit mir kannst du rechnen!"

In der Realität ist das mit der Zeit oft schwierig umzusetzen ...

Zur Person

Mag. Martin Christandl arbeitet bei der Tiroler Männerberatung Mannsbilder und ist u. a. Psychotherapeut.

Christandl: Ja, das liegt aber unter anderem daran, dass es hier keine Kultur dafür gibt. In Schweden etwa ist es peinlich, wenn ein Vater am Freitagnachmittag noch in der Firma sitzt und nicht längst bei seinen Kindern ist. Hier wünschen sich das Väter, können es aber nicht leben, weil es keinen gesellschaftlichen Konsens dafür gibt und der wirtschaftliche Druck sehr hoch ist.

Klappt das bei jungen Paaren nicht besser?

Christandl: Leider erleben wir immer mehr Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die sich eine Vaterrolle erst gar nicht zutrauen, obwohl die Partnerin einen Kinderwunsch äußert. Sie wissen, dass sie viel arbeiten, haben gleichzeitig hohe Ansprüche an sich selbst als Vater im Kopf. Sie sagen, das geht sich alles nicht aus. Diese Entwicklung muss uns als Gesellschaft traurig stimmen. Es zeigt, dass was schiefläuft.

Das Gespräch führte Liane Pircher