Letztes Update am So, 17.06.2018 10:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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So teuer ist die Schule: Versteckte Kosten belasten Eltern

Schulausflüge, Eintritte, Klassenfahrten: Die Gratisschule bittet Eltern kräftig zur Kasse. Elternvertreter fordern mehr Mitbestimmung.

© iStockEigentlich ist der Schulbesuch in Österreich gratis und trotzdem müssen Eltern immer tiefer in die Tasche greifen – vor allem an höheren Schulen. Das Budget der Schulen reicht nicht.



Von Alexandra Plank

Innsbruck — Eine Lawine der Hilfsbereitschaft ergoss sich über eine 35-jährige Twitter-Nutzerin, die erklärt hatte, sie müsse ihren Kindern beibringen, dass sie sich 800 Euro für eine Klassenfahrt nicht leisten könne. Ein Spendenkonto wurde eingerichtet, binnen kurzer Zeit kamen 11.000 Euro zusammen. „Es ist zwar löblich, dass so viele der Frau helfen wollen, am Problem ändert das aber nichts", sagt Christoph Drexler, Obmann des Landeselternverbandes Tirol.

Der vierfache Vater weist darauf hin, dass in Österreich zwar per Gesetz an öffentlichen Schulen kein Schulgeld verlangt werden darf, viele Eltern aber die Erfahrung machen, dass selbst bei gutem Verdienst die außerordentlichen Ausgaben zur Belastung werden. „Natürlich gibt es Förderungen für finanzschwache Familien, aber die sind bei Schulfahrten zu gering und die Einkommensgrenzen sind nicht auf die hohen Lebenshaltungskosten in Tirol abgestimmt", kritisiert Drexler.

Hintergrund

Schulgeld: Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass in öffentlichen Schulen kein Schulgeld anfällt. Dennoch werden die Eltern an vielen Stellen zur Kasse gebeten.

AK-Studie: Rund 4 Prozent der Kinder müssen aus finanziellen Gründen auf Schulveranstaltungen verzichten. Ein Großteil der Eltern erlebt die Schulkosten als belastend.

Vorgabe: Laut Ministerium sollten die Schulen zu Beginn des Schuljahres den Lern- und Arbeitsmittelbeitrag auf Grundlage der Lehrstoffplanung festlegen, dann ist der Schulgemeinschaftsausschuss bezüglich der Höhe und Form des Inkassos (monatlich, quartalweise, semesterweise, jährlich) zu konsultieren. Am Ende des Schuljahres muss abgerechnet werden.

Zwar würden größere Ausgaben, wie etwa Klassenreisen, im Schulausschuss (Lehrervertreter, Elernvertreter und Schülervertreter) abgestimmt, bei vielen Ausgaben seien die Eltern aber ausgeschlossen.

Als ein Beispiel nennt Drexler die Schulfotografen. „Hier wählt der Direktor den Anbieter aus. Oft kommt der zum Zug, der am meisten Geld für die Schule bringt. Der Fotograf schlägt diese Ausgaben aber auf den Preis für die Fotos drauf, zahlen müssen die Eltern." Auch die Kopierkosten seien an manchen Schulen höher als in einschlägigen Geschäften. Das Kostenproblem führte 2016 sogar zu einer parlamentarischen Anfrage der Grünen. Das Ergebnis: Die Schule sei für die Infrastruktur verantwortlich, Spinte müssen kostenlos sein und auch das Klopapier.

Drexler kritisiert auch, dass die wenigsten Schulen einen zuvor budgetierten Betrag am Beginn des Schuljahres vorschreiben und dann am Ende des Jahres abrechnen. „Meist geht das zitzerlweise, 5 Euro hier, 10 Euro dort, wenn man mehrere Kinder hat, kommt man sich manchmal vor wie ein Bankomat", sagt der Elternvertreter. Er wünscht sich mehr Mitbestimmung und Transparenz. Menschen, die schauen müssen, dass sie jeden Monat über die Runden kommen, sind am meisten von den Zusatzkosten betroffen. Die Statistik Austria hat dieser Tage veröffentlich, dass ein Fünftel der Kinder, deren Eltern Mindestsicherung beziehen, sich keine Schulfahrten leisten können, bei jenen, die keine Transferleistung erhalten, ist es ein Prozent. Mit der Reform der Mindestsicherung bekommen vor allem Mehrkind-Familien weniger. Seitens der Armutskonferenz war die Re- de davon, dass die türkis-blaue Regierung mit dieser Politik Kindern systematisch Chancen raubt. Tirols AK-Präsident Erwin Zangerl sagt dazu: „Setzt die Bundesregierung ihre unsozialen Pläne um, wird sich die Ungleichheit verschärfen. Dann steht Familien mit niedrigsten Einkommen noch weniger Geld zur Verfügung."

Was Eltern im Laufe des Schuljahres ausgeben müssen

Schulveranstaltungen: BMHS und AHS-Oberstufe fünftägige Schulveranstaltungen mindestens 400 und bis zu 1000 Euro. Unterstützung: maximal 180 Euro

Laptops für die Schüler: 400 bis 1800 Euro AHS-Oberstufe und BHS

1170 Euro pro Jahr und Kind müssen Eltern von Schülern einer AHS-Oberstufe im Durchschnitt in Tirol auslegen.
690 Euro zahlen Eltern durchschnittlich in einer NMS.
430 Euro Unterstützung brauchen Volksschüler.
Der Löwenanteil sind mehrtägige Schulveranstaltungen mit 303 Euro, gefolgt von Schreibwaren, Materialien mit 223 Euro.

Die Schulkostenerhebung der AK liegt zwei Jahre zurück, damals kam heraus, dass Eltern von Schülern, die eine AHS-Oberstufe besuchen, bis zu 1170 Euro pro Kind und Jahr zum Schulbetrieb zuschießen müssen. „Die finanzielle Belastung durch den Schulbesuch ist schon jetzt für viele Familien enorm", so Zangerl. Seine Forderungen: Beihilfen sollten regelmäßig an die Inflation angepasst werden. So hinke etwa die Höhe der Beihilfen in der Oberstufe (Bund) seit der letzten Anpassung 2007 über 20 % hinter der Inflation hinterher. Außerdem fordert die AK, dass Schulbeihilfen bereits ab der 9. Schulstufe gewährt werden sollten, statt ab der 10. Schulstufe. Weiters müssten die Einkommensgrenzen adaptiert werden.

LR Beate Palfrader betont, dass das Land durch einkommensabhängige Förderungen wie z. B. für Schulveranstaltungen bestrebt sei, finanzschwache Familien zu unterstützen. 2017 wurden die Einkommensgrenzen und die Fördersätze erhöht, um die mit dem Schulbesuch verbundenen Kosten noch besser abzufedern. Von der Schulstarthilfe profitierten rund 16.000 Berechtigte, mit der Schulveranstaltungsförderung wurden 1800 Personen unterstützt. Handlungsbedarf sieht sie beim Bund. Die Forderungen mehr Mitbestimmung und Transparenz unterschreibt Palfrader: „Die Schulpartner sollten Ausgaben noch besser abstimmen. Ein Einkassieren von Beträgen am Beginn ist nicht geregelt. Es muss eine Endabrechnung erstellt werden", schließt die Landesrätin.

Neu: Ferienbetreuung nach Bedarf

Nächste Woche legt die Statistik Austria die österreichweiten Zahlen zu den Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen vor. In Tirol hatten 2017 laut Statistik nur 10 % der Kindergärten zwischen 50 und 52 Wochen pro Jahr offen. Bei den Horten waren es 23 %, bei den Kinderkrippen 38 %. Laut Palfrader ist dieses Bild falsch. Im Sommer 2017 hätten 114 Kindergärten, -krippen oder Horte durchgehend geöffnet gehabt. Dazu kämen Einrichtungen, die im Sommer einige Wochen geschlossen seien, aber mit anderen die Schließtage abstimmen. In Gemeinden mit mehrere Kinderbetreuungseinrichtungen sei entweder nur eine Einrichtung geöffnet oder sie werden abwechselnd geöffnet. Eine alterserweiterte Führung (Kinderkrippen- und Kindergartenkinder sowie Kindergarten- und Volksschulkinder) ermögliche eine Betreuung für alle Altersgruppen. „Es ist nicht sinnvoll, in jeder Gemeinde eine eigene ganzjährige und ganztägige Kinderbetreuung anzubieten – wir setzen auf gemeindeübergreifende Projekte“, so Palfrader. Viele Orte würden andere Formen der Sommerbetreuung wie etwa Spielwochen anbieten.

Neu sei die bedarfsorientierte Ferienbetreuung, die ab fünf Kindern pro Tag durchgeführt wird. 192 Tageseltern würden zudem eine flexible Kinderbetreuung auch im Sommer anbieten. (pla)