Letztes Update am So, 17.06.2018 06:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Die Sprache ist der Schlüssel: Deutsch für Asylwerber

Karl Schmutzhard lernt seit 2016 mit Flüchtlingen Deutsch. Jetzt ist sein Buch darüber erschienen. Mit der TT spricht er über Asyl, Analphabetismus und Deutschklassen.

Gerettet, und dann? – Auch die Bilder von Mittelmeereinsätzen reißen nicht ab.

© Ärzte ohne GrenzenGerettet, und dann? – Auch die Bilder von Mittelmeereinsätzen reißen nicht ab.



Innsbruck – 2015 befand sich Karl Schmutzhard zufällig auf dem Bahnhof in Linz, als ein Zug mit Flüchtlingen eintraf. Seit 2016 engagiert sich der pensionierte Professor und Autor als ehrenamtlicher Deutschlehrer im Verein SisAL (der Name steht für die Anfangsbuchstaben von Sistrans, Aldrans und Lans), der Flüchtlinge im Heim Sistrans/Aldrans unterstützt. Seine Aufzeichnungen über Begegnungen und Gespräche mit Asylwerbern, Reflexionen zu Medienberichten und Geschichten sind soeben in dem Buch „Asyl heißt unberaubt“ erschienen. Sein Ehrgeiz, sagt er im Gespräch mit der TT, liege momentan darin, dass zwei Asylwerber das anstehende A2-Deutschdiplom bestehen.

Flüchtlinge haben oft unbeschreibbares Leid ertragen, bevor sie nach Tirol kamen. Welche Erlebnisse im Unterricht geben Hoffnung?

Karl Schmutzhard: Ich denke an einen Afghanen, der in der Deutschstunde plötzlich aufsteht und geht. Er ist Analphabet. Nach einiger Zeit kam er wieder und lernte auf die A1-Prüfung. Eines Tages erzählte er mir, dass er in Innsbruck gewesen sei und das erste Buch in seinem Leben gekauft habe. Es handelt sich um ein Wörterbuch Deutsch – Afghanisches Persisch. Jetzt versucht er, über die deutschen Wörter in Lautschrift in seiner Muttersprache schreiben zu lernen. Er schickt mir SMS, zum Beispiel ‚Hallo Karl, es tut mir sehr leid, ich kann nicht kommen, weil meine Frau ihren Bruder heute Abend besucht. Liebe Grüße T‘. Es ist eine Freude, zu sehen, wie viel er in eineinhalb Jahren gelernt hat. Der afghanische Familienvater ist Tischler, kocht viel und schaut auf die Kinder.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass alleine gekommene Familienväter besonderes unter Druck stehen.

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Zur Person

Karl Schmutzhard, geb. 1946 in Linz, war Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter für Fachdidaktik an der Universität Innsbruck. Seit 2016 lernt er mit Flüchtlingen ehrenamtlich Deutsch.

Sein Buch „Asyl heißt unberaubt. Was ich in einem Heim für Asylwerber/innen lerne“ (Studia Verlag) wird am 26. Juni, 19.30 Uhr im Gemeindesaal Sistrans vorgestellt.

Schmutzhard: Ich beobachte, dass diese Männer oft abseits mit dem Handy dasitzen. Die Kinder fragen, ‚Papa, wieso kommst du nicht heim. Können wir kommen‘. Die Angehörigen im Ursprungsland verstehen und glauben oft nicht, dass Asylverfahren zwei Jahre dauern können. Manche schicken einen Teil der 250 Euro, die sie hier monatlich erhalten, nach Hause, der Ehefrau, die auf die Großfamilie angewiesen ist. Sie rutschen leichter in eine Depression und bleiben im Bett liegen. Ich denke auch an einen Iraker, der wieder zurückgegangen ist. Mich würde interessieren, wie es Rückkehrern geht.

Geplante Großunterkünfte sind Ihnen ein Dorn im Auge. Warum?

Schmutzhard: Ja. Selbst zu kochen, ist wichtig, nicht nur weil Geschmäcker verschieden sind. Man übernimmt Verantwortung, kauft ein, rechnet mit den Preisen, trifft sich in der Küche, plaudert, streitet, lacht. Kleine Unterkünfte mit Kochmöglichkeit sind ohne Zweifel humaner.

Wo liegen Fehler im System?

Schmutzhard: Erstens: Es dauert viel zu lange, bis die geflüchteten Menschen ihr erstes Asylverfahren haben. Zweitens: Asylwerber und Asylwerberinnen können nur sehr begrenzt arbeiten. Wir sprechen von den 3-Euro-Jobs und den Dienstleistungschecks. Es wäre notwendig und klug, wenn sie z. B. 20 Stunden einer Arbeit nachgehen könnten. Für viele Arbeiten reichen auch geringe Deutschkenntnisse. Drittens: Ich finde das geplante B1-Niveau für den Erhalt der Mindestsicherung zu hoch angesetzt. Wir sind froh, wenn die Menschen A2 schaffen.

Wo sehen Sie Ansätze?

Schmutzhard: Die Bedingungen für die Bewilligung von Asyl sind juridisch definiert. Im Rahmen des subsidiären Schutzes und des humanitären Bleiberechts sollte man Punkte sammeln können, indem man rasch Deutsch lernt, eine Lehre in Mangelberufen ergreift oder seinem Beruf nachgeht.

Was halten Sie von den viel diskutierten Deutschförderklassen?

Schmutzhard: Die Frage ist, wie lernen die Kinder so schnell wie möglich Deutsch. Ich verstehe die Aufregung nicht. Außerdem wird die Diskussion ideologisch geführt. In Deutschland und in der Schweiz gibt es die Deutschlernklassen, natürlich auf Zeit. Es darf auf keinen Fall sein, dass die Kinder in den normalen Klassen nur mitlaufen.

Italien hat wie Malta das Flüchtlingsschiff Aquarius mit 600 Menschen an Bord abgewiesen.

Schmutzhard: Wie die Flüchtlinge herumgeschickt werden, ist für die gesamte EU entwürdigend. Generell müsste Europa viel mehr in Afrika in Bildung investieren, vor allem den Mädchen den Schulbesuch ermöglichen. Auch das duale System von Lehre und Schule sollten wir exportieren.

Das Interview führte Sabine Strobl

Karl Schmutzhard.
Karl Schmutzhard.
- Strobl