Letztes Update am Di, 19.06.2018 14:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Europa

Ärzte ohne Grenzen: Gravierende Mängel bei Flüchtlingsbetreuung

Nach Krieg, Gewalt und Folter haben Flüchtlinge oft mit Traumata zu kämpfen, die für Alpträume, Depressionen und Angst sorgen. Soziale Betreuung ist jedoch Mangelware.

Freiwillige Helfer auf der griechischen Insel Lesbos bahnen sich den Weg durch Hunderte von Flüchtlingen zurückgelassene Schwimmwesten.

© AFPFreiwillige Helfer auf der griechischen Insel Lesbos bahnen sich den Weg durch Hunderte von Flüchtlingen zurückgelassene Schwimmwesten.



Wien – „Ich habe noch nirgends ein so großes psychisches Elend gesehen wie dort – bei uns in Europa.“ Das sagte Monika Gattinger-Holböck, Psychotherapeutin bei Ärzte ohne Grenzen (Medecins Sans Frontieres/MSF), die nach Einsätzen in Pakistan, im Libanon und im Norden des Irak zuletzt in einer MSF-Klinik für Überlebende von Folter und Gewalt auf der griechischen Insel Lesbos gearbeitet hat, am Dienstag vor Journalisten in Wien.

Viele Flüchtlinge bezahlen mit ihrer (seelischen) Gesundheit

Völlig unzureichenden Strukturen stehen 7400 Menschen – davon mehr als 2000 Kinder – im Flüchtlingslager Moria gegenüber. Sie müssen dort nach den Vorgaben des im März 2016 geschlossenen Türkei-EU-Deals auf die Entscheidung in ihrem Asylverfahren warten. „Die meisten verlieren dort jede Hoffnung und brechen seelisch zusammen“, berichtete Gattinger-Holböck, „die Klinik kann dem Bedarf nicht gerecht werden.“ 30 neue Patienten pro Tag wurden Anfang Oktober behandelt, bis zu zehn von ihnen wegen akuter Suizidgefährdung oder psychotischen Symptomen. Zwei Monate später standen 554 Patienten auf der Warteliste.

„Durch die absurde EU-Politik der Abschottung bezahlen die Flüchtlinge schwer mir ihrer Gesundheit - auch mit ihrer seelischen Gesundheit“, warnte die Salzburger Psychologin bei der Pressekonferenz im Vorfeld des Weltflüchtlingstags, der am Mittwoch begangen wird. Seitens der griechischen Behörden ortet sie teils Überforderung und teils Unwillen. So seien im dem Lager sechs Psychologen im Auftrag des Gesundheitsministeriums tätig, um traumatisierte Flüchtlinge zu identifizieren, sie haben aber keine Übersetzer zur Verfügung. Traumatisierte Menschen gelten laut einer EU-Richtlinie und der Genfer Flüchtlingskonvention als besonders schutzwürdig. Ihnen stehen bessere Aufnahmebedingungen und psychosoziale Betreuung zu. Nach den Erfahrungen Gattinger-Holböcks wird auf Lesbos fast kein Flüchtling als besonders schutzwürdig anerkannt.

Krieg, Gewalt und Folter: Traumata lasten schwer

Um Traumata nach Krieg, Gewalt und Folter zu überleben, benötigen Flüchtlinge in erster Linie eine stabile Situation, in der sie sich sicher fühlen können. Das hielt die Psychotherapeutin Barbara Preitler von der Betreuungseinrichtung Hemayat fest, die sich in Wien um Betroffene kümmert. „Wir würden uns viel bessere Rahmenbedingungen für unsere Arbeit wünschen“, sagte die Expertin. Bei Hemayat, Kooperationspartner von MSF, stehen derzeit mehr als 400 traumatisierte Menschen auf der Warteliste für einen Therapieplatz. Die NGO finanziert sich durch Förderungen und Spenden. Immer häufiger kommen Menschen mit traumatischen Erfahrungen auf der Flucht.

Die Ungewissheit über den Ausgang des Asylverfahrens oder rassistische Übergriffe, von denen man bei Hemayat zunehmend häufiger höre, seien neben der fehlenden Möglichkeit, eine Arbeit aufzunehmen, die größten Hindernisse für die Betroffenen, ihre Traumata hinter sich zu lassen, sagte Preitler. Diese Traumata können sich in psychotischen Zuständen äußern, in Alpträumen, Depressionen oder Angst, zu den häufigsten Symptomen gehören Konzentrations- und Merkstörungen. Mehr Sensibilität wünscht sich die Psychologin auch bei Befragungen im Asylverfahren, denen die Flüchtlinge ohnehin mit Angst entgegensehen. „Ein traumatisierter Mensch ist vielleicht gar nicht imstande, eine stringente Geschichte zu erzählen“, mahnte Preitler.

Problem: Mangel an politischem Willen

Sowohl für Ärzte ohne Grenzen als auch für Hemayat ist die unzureichende Versorgung traumatisierter Flüchtlinge keine Frage fehlender Kapazitäten, sondern eines Mangels an politischem Willen. Im Fall des Irakers Ibrahim sieht das nach einer Schilderung Gattinger-Holböcks so aus: Er wurde in seinem Heimatland gekidnappt, musste Enthauptungen mitansehen, wurde zum Schein hingerichtet, schaffte die Flucht in die Türkei und kam in Haft. Dort erfuhr er vom Tod seiner im Irak zurückgebliebenen Frau und seines Sohnes durch einen Bombenangriff. Er flüchtete nach Griechenland und kam ins Lager Moria. Als ihn ein Freund nach einem Suizidversuch in die MSF-Klinik brachte, konnte er nach Angaben der Psychotherapeutin zunächst weder sprechen noch Blickkontakt aufnehmen. Stimmen in seinem Kopf sagten ihm jeden Tag, er würde am Abend umgebracht. Sein Asylgesuch wurde in erster Instanz abgelehnt. (APA)