Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Exklusiv

Hilfsorganisationen: Auch die Guten hinterfragen

Für Stefan Pleger steht auch die Arbeit von Entwicklungshelfern auf dem Prüfstand. Der Tiroler ist seit zehn Jahren mit seinem Projekt „Kindern eine Chance“ in Uganda tätig.

© Asanger RupertStefan Pleger und seine Lebensgefährtin Gabi Ziller setzen in Uganda mit ?Kindern eine Chance? auf Bildung als Entwicklungshilfe.



Beim letzten EU-Asylgipfel wurde ein Marshall-Plan für Afrika beschlossen, wie zielsicher ist Entwicklungshilfe?

Stefan Pleger: Oft werden riesige Projekte in Afrika umgesetzt, die hier am Reißbrett entstehen. Ich ziehe in Zweifel, ob Hilfsorganisationen die Situation vor Ort immer so gut kennen. Die großen Projekte haben dann das Problem, dass sie nicht erhalten werden können und weiße Elefanten entstehen.

Trotz Entwicklungshilfe scheint Afrika nicht vom Fleck zu kommen, täuscht dieser Eindruck?

Pleger: Die Mittel kommen oft nur einer sehr kleinen und elitären Schicht oder der österreichischen Wirtschaft zu gute. Aber die große Mehrheit, die wirklich Armen, sind außen vor. Das wahre Problem ist die Bevölkerungsexplosion. In Uganda hat sich in den letzten 18 Jahren die Bevölkerung verdoppelt. Das heißt, dass für die Bevölkerung nur noch die halb so viel an Land zur Verfügung steht und, dass es darum intensiver genutzt werden muss. Und dafür braucht es Know-how.

Sie leisten mit Ihrem Projekt ,Kindern eine Chance' seit zehn Jahren Entwicklungsarbeit in Uganda. Was machen Sie anders?

Pleger: Kindern eine Chance ist ein ehrenamtliches Projekt, wo Ehrenamtliche drei Monate vor Ort arbeiten. In Uganda setzen wir auf einheimische, starke Frauen, die das Projekt leiten. Anders als andere Hilfsorganisationen zahlen wir unseren Mitarbeitern ein Gehalt in der Höhe dessen, was der Staat zahlen würde. Wir wollen nicht, dass Eliten entstehen, die dann nur noch für reiche Weiße arbeiten wollen.

Was ist das Problem, wenn Hilfsorganisationen gute Gehälter zahlen?

Pleger: Ich schildere das anhand von Nepal. Dort haben sich kleine Hilfsorganisationen etabliert, die stark mit Einheimischen zusammengearbeitet haben. Nach den beiden Erdbeben, die medial sehr stark transportiert wurden, sind die großen Hilfsorganisationen nach Nepal gekommen und haben die besten Mitarbeiter mit guten Gehälter abgeworben. Einige der kleinen Organisationen sind in die Brüche gegangen.

Sie sind selbst auf Spenden angewiesen, ist da Ihre Kritik nicht kontraproduktiv?

Pleger: Es ist eine Gratwanderung, weil wir keine Ausrede liefern wollen, nicht zu spenden. Wir brauchen mehr Geld für die Entwicklungshilfe, aber wir müssen auch kritisch hinschauen, wofür es verwendet wird, wenn wir wirklich an der Entwicklung Afrikas interessiert sind. Jahrelang lief Entwicklungshilfe unter dem Motto ,Wir sind die Guten und unsere Arbeit darf nicht hinterfragt werden'.

Ist die Erwartungshaltung der Schwarzen, dass der Weiße zahlt?

Pleger: Ja, natürlich. Aber wir müssen uns fragen, woher diese Einstellung kommt. Beispielsweise wurde an uns der Wunsch herangetragen, dass wir ein teures Geländeauto einsetzen sollten, weil jede Hilfsorganisation, die etwas auf sich halte, solche Autos fahren würde. Es gibt bei uns bis heute nur Motorräder. Wir orientieren uns an den Standards vor Ort und nicht an jenen Europas.

Die Migrationswelle bringt vor allem junge Männer nach Europa. Was ist Ihre Erklärung warum?

Pleger: Die Lebensumstände zwingen sie dazu, woanders ihr Glück zu versuchen. Das Geld, das diese Männer verdienen und nach Afrika zurückschicken macht bereits ein Vielfaches von der Höhe der Entwicklungshilfe aus. Staaten wie Ghana kalkulieren diese Transferleistungen ein und ermutigen junge Männer deshalb nach Europa zu gehen.

Den jungen Männern wird oft vorgeworfen, ihre Familien im Stich zu lassen.

Pleger: Die intakte Großfamilie habe ich in Afrika selten erlebt, aber im Clan hält man zusammen. Die wenigen, die verdienen erhalten die Clanmitlgieder. Das klassische Familienbild, Vater, Mutter, Kinder ist selten. Die Frauen tragen die Hauptlast im Haus und auch bei der Feldarbeit.

Das Gespräch führte Anita Heubacher

Steckbrief

Steckbrief: Der Tiroler Stefan Pleger ist gemeinsam mit Gabi Ziller seit zehn Jahren mit „Kindern eine Chance“ in Uganda tätig. Die Organisation hat 200 lokale Mitarbeiter, betreibt zehn Schulen, Behinderteneinrichtungen und Ausbildungswerkstätten im ländlichen Uganda. Heuer feiert die Organisation ihr Zehn-Jahr-Jubiläum.

Spenden: „Kindern eine Chance“ arbeitet in Österreich ausschließlich ehrenamtlich und ist mit einem jährlichen Spendenaufkommen von etwa einer Million Euro wohl die größte rein ehrenamtliche Organisation Österreichs. 100 Prozent der Spenden werden in das Projektgebiet überwiesen, Aufwände in Österreich tragen die Vereinsmitglieder persönlich.

Grundprinzipien: Pleger und Ziller sehen in der Bildung den Schlüssel zur Entwicklung. Nachhaltigkeit, Eigenverantwortung und Engagement zählen zu den Grundprinzipien. Das Projekt soll Hilfe zur Selbsthilfe sein. Unterstützt werden sollen möglichst viele und nicht, wie es Stefan Pleger ausdrückt, eine kleine Elite.

Das Projekt: In Uganda arbeiten 203 Vollzeitkräfte für die Organisation. Betrieben werden sieben Kindergärten, zehn Schulen, Lehrwerkstätten für Schlosserei, Tischlerei, Schneiderei und Friseur. Es gibt zwei Lehrbauernhöfe und ein Patenkinderprogramm für 1200 Kinder. 17.500 Kinder erhalten Schuljausen. 120 Kinder sind im Aids-Programm. Insgesamt wurden 50 Brunnen gebohrt.

Gegen das „Hand-Aufhalten“: Die Projektbetreiber fordern von den Teilnehmern einen individuellen Beitrag, eine Eigenleistung, um einer, wie Pleger sagt, Mentalität des Hand-Aufhaltens entgegenzuwirken. Mitarbeitern der Organisation werden lokal übliche Gehälter gezahlt und keine „internationalen NGO-Gehälter“.