Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Gesellschaft

Eine Primiz fast im Verborgenen

Die Freude über die erste heilige Messe eines Neupriesters hielt sich regional in Grenzen. In Imsterberg wusste man gar nichts von der Primiz. Lukas Lipp wich von Reutte aus, wo ihm die Kirche verwehrt blieb.

© Hubert DaumNach der Primizfeier in Imsterberg trugen die Nichten des aus Reutte stammenden Priesters Lukas Lipp (Mitte) ein Gedicht vor.Foto: Daum



Imsterberg, Reutte – Stell dir vor, es ist Primiz – also die erste heilige Messe als Hauptzelebrant nach der Priesterweihe – und keiner geht hin, weil es niemand weiß. Dem war natürlich nicht so, die Pfarrkirche in Imsterberg war am Samstagvormittag trotzdem voll besetzt, allerdings von einer internationalen Gläubigenschar. Im kleinen Dorf wusste man nichts von einer Primiz, nicht einmal Bürgermeister Alois Thurner: „Ich habe es zufällig erfragt und wollte mich bei der Diözese in Innsbruck erkundigen.“ Auch im Pfarrbrief war nichts erwähnt. Eine seltsame Situation, die sich nach und nach aufklärte.

Der Protagonist war der ­Außerferner Lukas Lipp (37), der sich entschlossen hatte, Priester zu werden, am Priesterseminar der Piusbruderschaft im bayerischen Zaitzkofen ausgebildet wurde und dort vor gut einer Woche die Priesterweihe empfangen hatte. An und für sich für die Kirche ein freudiges Ereignis, stünde da nicht genau diese Zugehörigkeit zur Piusbruderschaft im Wege. Dieser 1970 gegründeten Bruderschaft fehlt nämlich die volle Anerkennung durch die römisch-katholische Kirche und wird in Insiderkreisen kritisch gesehen.

Eine Imsterberger Bürgerin, die von der Heimatprimiz im Internet erfuhr, machte mit einer E-Mail an die TT ihrem Ärger Luft. Sie führt die Auswahl des Ortes für die Feierlichkeiten auf ihren „erzkonservativen“ Pfarrer zurück: „Nicht einmal unsere Bischöfe haben die Macht, den erzkonservativen Priester zurechtzuweisen“, so ein Auszug ihres Schreibens, „wer weiß von der Primiz? Ist sie legal, warum in Imsterberg?“

Eine berechtigte Frage, denn üblicherweise wird das erste Hochamt in der Heimatgemeinde gefeiert. Und das wäre im Fall Lipps Reutte. Licht ins Dunkel bringt die Stellungnahme des Außerferner Dekans Franz Neuner: „Sie haben bei mir angefragt, ich habe das an unseren Bischof weitergeleitet. Aus kirchenrechtlichen Gründen konnte ich ihnen keine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.“

Am Freitagabend erhielt dann Bürgermeister Alois Thurner doch noch die Stellungnahme von Bischof Hermann Glettler, in der es heißt: „Der Piusbruderschaft fehlt seit ihrer Gründung im Jahre 1970 die Anerkennung der römisch-katholischen Kirche. Sie lehnt bis heute wichtige Errungenschaften des Zweiten Vatikanums ab wie Ökumene, Religionsfreiheit, Kollegialität der Bischöfe und die gemeinschaftliche Liturgiefeier. Die Piusbrüder können deshalb kein offizielles Amt in der römisch-katholischen Kirche ausüben. Der Bischof der Diözese Innsbruck hat für die Erlaubnis zur Benützung der Pfarrkirche von Imsterberg für die Feier der Primiz die Auflage erteilt, dass beim Hochgebet für Papst Franziskus und für den Diözesanbischof gebetet werden muss. Außerdem muss die Pfarrgemeinde informiert werden, dass es sich bei der Piusbruderschaft um eine von der röm.-kath. Kirche abgespaltene Kirche handelt, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht anerkennt.“ Mit dem Pfarrer von Imsterberg, Stephan Müller, habe die Diözesanleitung die Vereinbarung getroffen klarzustellen, dass es sich nicht um eine pfarrliche Veranstaltung handelt, sondern nur um eine Feier der Familie und Freunde von Lukas Lipp. Außerdem dürfe es im Umfeld von Feier und Predigt keine Polemik gegen die röm.-kath. Kirche geben, so Bischof Glettler.

Pfarrer Stephan Müller, der auf Anfrage der TT in der ersten Reaktion meinte, da sei nichts zum Schreiben, verbot das Fotografieren in der Kirche, lud dann allerdings doch höflich zur Teilnahme am Gottesdienst ein. Informationen über die Sachlage gab es von seiner Seite keine. Die Begründung von Lukas Lipp gegenüber der TT nach der zweistündigen tridentinischen (lateinischen) Messe, warum man die Primiz in Imsterberg und nicht in Reutte begeht: „Ich kenne Pfarrer Müller von früher und weiß, dass hier für eine tridentinische Messe alles vorhanden ist.“ Lange braucht sich der Neo-Priester mit der Tiroler Skepsis übrigens nicht auseinanderzusetzen, im August geht es wieder zurück in die Vereinigten Staaten.

Lipp (37) wuchs in Reutte auf. Sein Vater ist der bekannte Historiker Richard Lipp. In seiner Pfarre war Lukas Lipp zunächst als Ministrant, später auch als Kinder- und Jugendgruppenleiter tätig. Auf der Homepage der Priesterbruderschaft St. Pius X heißt es weiter über ihn: „Durch den Kontakt zu den Franziskanern, die damals noch ihr Noviziat in Reutte hatten, erwachte in ihm zum ersten Mal das Verlangen, sich in den Dienst Christi zu stellen und Priester zu werden. Er konnte sich jedoch nicht gleich zum Eintritt entschließen und er entfremdete sich sogar von der Kirche.“ So begann er zunächst ein Medizinstudium an der Universität Innsbruck. Durch eine besondere Fügung der Vorsehung habe er einige Jahre später Mitglieder der Katholischen Jugendbewegung Innsbruck kennen gelernt, von denen er eingeladen wurde, an einem Wanderlager in Andalusien teilzunehmen. Dort sei er zutiefst beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und Frömmigkeit der Jugendlichen gewesen, verbunden mit einer unbefangenen Fröhlichkeit, die er so noch nie vorher erlebt hatte. „Vor ihm tat sich nun die ihm bisher völlig unbekannte Welt der 2000-jährigen katholischen Tradition mit ihren Schätzen und Reichtümern auf. Er fühlte sich wie betrogen, weil all das den Katholiken heute vorenthalten wird“, heißt es weiter auf der Pius-Seite. So sei in ihm der bereits vergessen geglaubte Wunsch, Priester zu werden, wiedererwacht und er sei 2009 ins Priesterseminar in Zaitzkofen eingetreten. Nach Abschluss seiner Studien unterrichtete er an der Schule der Bruderschaft in Post Falls, USA. Prinzipiell gilt: Lipps Priesterweihe vor einer Woche war aus römisch-katholischer Sicht nicht erlaubt, ist aber gültig. (huda, hm)




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