Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.09.2018


Bezirk Reutte

Eklat um kranke Kuh in Elbigenalp: Nachschau nur mit Polizei

Amtstierarzt Fritz holte in Elbigenalp die Polizei, um eine schwerkranke Kuh BM Gerbers begutachten zu können. Fritz wurde nach Intervention abgezogen, ein Kufsteiner Kollege kam. Die Kuh wurde nun getötet.

© Fügenschuh PatrickDie im sechsten Monat trächtige Kuh konnte wegen großer Schmerzen im „Hinterlauf“ meist nicht mehr stehen und lag im Feld, als sie Unbeteiligte fotografierten. Nach langem Hin und Her wurde sie nun getötet.Foto: Fügenschuh



Von Helmut Mittermayr

Elbigenalp – Arbeitern einer Baustelle im Lechtal, allesamt selbst mit landwirtschaftlichem Hintergrund, war eine Kuh aufgefallen, die in einem frei einsichtigen, eingezäunten Gelände in Elbigenalp/Köglen nur noch am Boden lag. Einer von ihnen, Patrick Fügenschuh, rief schließlich den Besitzer, Elbigenalps Bürgermeister Markus Gerber, an und forderte ihn auf, etwas zu unternehmen. „Das Gespräch nahm einen derart ,freundlichen‘ Verlauf, dass ich mich entschloss, Anzeige zu machen. Das habe ich Gerber auch gesagt“, erklärt Fügenschuh. Ob hier Tierquälerei vorlag, will der Tannheimertaler persönlich nicht bewerten. Dafür gebe es Fachleute. In jedem Fall sei dringender Handlungsbedarf ersichtlich gewesen.

Der Außerferner Amtstierarzt Johannes Fritz waltete seines Amtes und erschien umgehend zur Nachschau. Der beamtete Veterinär stellte fest, dass hier nichts mehr zu machen sei und das Tier Höllenqualen leide, weil die Entzündung im unteren Bein und Klauenbereich so weit fortgeschritten wäre, dass teils der Gewebetod schon eingetreten sei. Der gesamte Bereich sei praktisch am Abfaulen. Hier würden auch keine Medikamente und Schmerzmittel mehr helfen. Der Amtstierarzt forderte Gerber zur umgehenden Tötung des Tieres auf. Die Amtshandlung verlief alles andere als in amikaler Atmosphäre. Schreiduelle im Stall waren die Folge.

Bürgermeister Markus Gerber vertraute hingegen in der Sache selbst auf die Fachkundigkeit der beiden Tierärzte seines Vertrauens: „Selbstverständlich war die Kuh schwer krank. Aber sie war im sechsten Monat trächtig und wir versuchten sie zu retten. Zwei Tierärzte sahen eine Möglichkeit und verschrieben Medikamente und Schmerzmittel.“ Für Landwirt Gerber war diese Vorgangsweise vertretbar, er dokumentierte – wie er gegenüber der Tiroler Tageszeitung schilderte – den weiteren Fortgang mit Bildern und kurzen Filmen auf seinem Handy, um gegen allfällige Vorwürfe der Tierquälerei gewappnet zu sein. „Wir wollten einfach Kuh und Kalb retten. Das kann einem doch niemand ankreiden“, sagt Markus Gerber.

Amtstierarzt Fritz tat dies sehr wohl und sah nicht die geringste Chance, die Kuh bis Anfang Dezember durchzubringen. Bei seinem nächsten Besuch wollte ihn Gerber aus dem Stall hinauswerfen. „Ich sagte ,Verschwind, sonst ruf ich die Polizei!‘“, so Gerber. Das tat Fritz dann gleich selbst und forderte Amtshilfe von der Polizeiinspektion Elbigenalp an. Von zwei Polizistinnen flankiert konnte er schließlich die Kuh erneut untersuchen. An seiner Meinung änderte sich für den Amtstierarzt nichts. Hier läge praktisch schon Tierquälerei vor. Das Tier sei sofort zu erlösen.

Auch Bürgermeister Gerber blieb nicht untätig, um sich den Amtstierarzt vom Hals zu schaffen. Für ihn lag eine fast schon historische Befangenheit des Amtstierarztes seiner Familie gegenüber vor und er setzte von BH Reutte bis zum Landesamtsdirektor alle Hebel in Bewegung, um Fritz loszuwerden. Gerber hatte schließlich Erfolg und Fritz, der insgesamt viermal in Elbigenalp Nachschau gehalten hatte, wurde vom Fall offiziell abgezogen. An seiner Stelle trat nun der Kufsteiner Amtstierarzt Matthias Vill in Erscheinung, der dafür extra ins Lechtal kommen musste. Nach einem Röntgen des Tieres war aber auch seine Conclusio eindeutig. Das trächtige Tier müsse umgehend getötet werden, was vor drei Tagen nun geschah.

Elbigenalps Dorfchef sind schlussendlich nur Kosten geblieben. Tierarzt und Arzneimittel müssen bezahlt werden. Wegen der Medikamentengabe konnte das Fleisch nicht verwendet werden. Kuh und noch nicht geborenes Kalb mussten in Weißenbach bei der Tierverwertung entsorgt werden. Gerber ist es aber wichtig zu sagen, dass die Kuh am Weg dorthin noch gestanden ist und selbstständig auf den Hänger gegangen ist.

Über den Außerferner Amtstierarzt Fritz verhängte Gerber ein lebenslanges Haus- und Hofverbot. „Mein Vater hat ihn beim ersten Besuch nur zufällig angetroffen, das nächste Mal war ich auch nur zufällig im Stall, als Fritz hereingekommen ist. Bei uns hat man immer noch zu läuten und sich anzumelden.“ Außerdem habe er in einer Jagdfrage erst kürzlich das Ansinnen von Amtstierarzt Fritz, nämlich im Madautal ein Tbc-Reduktionsgatter einzurichten, deutlich abgelehnt. Fritz’ Verhalten sei nun wohl die persönliche Retourkutsche, vermutet Gerber.

Für die Reuttener Bezirkshauptfrau Katharina Rumpf steht über den genauen Ablauf der Vorkommnisse derzeit Aussage gegen Aussage. Amtstiersarzt Fritz will sich sehr wohl laut bemerkbar gemacht und dann den Vater angetroffen haben. Er sei ja auch jedes Mal von einer zweiten Tierärztin begleitet worden. „Aber prinzipiell gibt es natürlich ein Betretungsrecht für eine Überprüfung nach § 36 Tierschutzgesetz. Das Gespräch mit BM Markus Gerber, um die künftige Vorgangsweise abzuklären, wird heute stattfinden.“ Gerber kann also eine Nachschau einer Amtsperson in seinen Stallungen nicht verhindern.

Rumpf macht auch klar, dass sie „Amtstierarzt Johannes Fritz für einen ganz außerordentlichen Fachmann“ hält, „der sich zum Beispiel in der Tbc-Bekämpfung längst einen Namen in ganz Europa gemacht hat“.

Amtstierarzt Johannes Fritz selbst war es auf Grund der herrschenden Öffentlichkeitsrichtlinie der Bezirkshauptmannschaft nicht möglich, persönlich Stellung zu nehmen.




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