Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.09.2018


Exklusiv

Missbrauchsfälle: Das Kreuz mit der und für die Kirche

Nächste Woche wird in Deutschland die Studie über sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen innerhalb der katholischen Kirche offiziell vorgestellt. 3677 Missbrauchsfälle werden genannt. Innsbrucks Bischof Hermann Glettler hält die Studienergebnisse für „beschämend für uns Verantwortliche“.

Alte Fahrer haben ein erhöhtes Unfallrisiko, dafür fahren sie langsamer.

© iStockphotoAlte Fahrer haben ein erhöhtes Unfallrisiko, dafür fahren sie langsamer.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Zwischen 1946 und 2014 sollen sich 1670 Geistliche in Deutschland an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen vergangen haben. Die Zahlen sind nur ein Vorgeschmack. Nächste Woche, am 25. September, will die Deutsche Bischofskonferenz die von Wissenschaftern aus Mannheim, Heidelberg und Gießen erstellte Studie offiziell auf ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda vorstellen.

Die Welle der Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche reißt seit Jahrzehnten weltweit nicht ab. Die Krise hat den Papst erreicht und ihn vor wenigen Wochen veranlasst, einen dramatischen Brief über „Scham und Reue“ zu schreiben. Angesichts der tausendfachen Fälle scheint selbst der Papst ohnmächtig. Der Umgang der katholischen Kirche mit in Verdacht geratenen Priestern oder Ordensleuten sorgt seit Langem für Kritik. Opfer würden zu wenig geschützt, die Täter dafür umso mehr. Die Kirche sei mehr an der Vertuschung als an der Aufklärung von sexuellem Missbrauch interessiert. Vorwürfe, die auch nach der Erstellung der deutschen Studie laut werden. Von den beschuldigten 1670 Geistlichen bekamen nur 566 ein kirchliches Verfahren. Den Wissenschaftern wurde kein unumschränkter Einblick in die Archive gewährt, Orden durften gar nicht untersucht werden. Vielmehr sondierten Kirchenmitarbeiter die Papiere und entschieden, was zu übergeben sei.

Innsbrucks Diözesanbischof Hermann Glettler sieht das Vertrauen in die Kirche „in den vergangenen Jahrzehnten von einigen Priestern und Ordensangehörigen nachhaltig beschädigt“. Die vorliegenden Zahlen seien „beschämend für uns Verantwortliche“. Die Bitten um Entschuldigung seien „längst fällige menschliche Gesten, belegen aber ebenso die Unbeholfenheit, mit den seelischen Wunden angemessen umzugehen“. Glettler verweist auf die schonungslose Aufklärungsarbeit österreichweit und der Diözese und das „Null-Toleranz-Prinzip“, das Papst Franziskus eingefordert habe.

Glettler fordert, das Thema Gewalt und sexualisierte Gewalt zu enttabuisieren und eine Kultur des aufmerksamen Hinschauens zu schaffen. Er warnt aber ebenso vor Pauschalverurteilungen. „Die ursächliche Verbindung von Zölibat und Missbrauch ist unzulässig.“ Dies sei „in höchstem Maß unfair“ gegenüber jenen, die mit großer Hingabe den Zölibat gewählt hätten.

In Tirol wurde 2012 eine externe Ombudsstelle und eine Opferschutzkommission eingerichtet. Seitdem haben sich 450 Opfer von sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt gemeldet. In der Diözese wurde eine Stabsstelle eingerichtet, um die verschiedenen Anlaufstellen für Opfer zu koordinieren. 762.000 Euro seien an die Opfer bis dato ausbezahlt, 509.000 Euro in Therapien investiert worden, erzählt Stabsstellenleiter Hannes Wechner. 80 Prozent der Übergriffe seien in Ordenseinrichtungen passiert. „Tirol war österreichweit Spitzenreiter, weil wir sehr viele katholische Einrichtungen hatten.“ Viele davon seien in den 80er-Jahren geschlossen worden.

Die Diözese hat ein „Präventionspaket“ geschnürt. Im Herbst sei ein Universitätslehrgang zum Thema geplant. Bei der Auswahl der Priester sei man zudem viel selektiver als früher, sagt Wechner. Das führe dazu, dass in den nächsten fünf Jahren in der Diözese Innsbruck keine einzige Priesterweihe mehr anstehe. Die Sensibilisierung schlage bereits ins Gegenteil um. „Wir haben Priester, die aus Angst vor Missverständnissen Kindern keine Beichte mehr abnehmen, oder Erzieher, die nicht mit Kindern alleine im Zimmer sein möchten.“

Ein ganz anderes Bild zeichnet die österreichweit tätige Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt in Wien. Seit acht Jahren berät man Opfer und verhilft ihnen zu Schadenersatz. „Keinen einzigen Fall, den wir behandelt haben, hat die Kirche von sich aus publiziert, sondern hat erst auf Druck von außen reagiert“, sagt Jakob Purkarthofer. Er macht für die Plattform die Medienarbeit. Die katholische Kirche in Deutschland sei durch die Studie nur bemüht, Schadensbegrenzung zu betreiben. „Sie hat das geringere Übel gewählt und die Studie selbst in Auftrag gegeben.“ Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sei die Kirche „mehr als gefordert, endlich ihre Archive offenzulegen“, sagt Purkarthofer.

Bei der Aufarbeitung der Fälle habe sich die Kirche nie mit Ruhm bekleckert. „Sie hat auf Verjährung gesetzt und der Staatsanwaltschaft in vielen Fällen Informationen vorenthalten.“ Die Klasnic-Kommission wiederum habe Daten von Opfern zu deren Schaden weitergegeben. Die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic ist Opferschutzbeauftragte, die Kommission trägt daher ihren Namen. „Aus unserer Sicht ist Klasnic die Täterschutzbeauftragte der römisch-katholischen Kirche, wenn es um prominente Täter geht, steht sie auf deren Seite.“