Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 21.10.2018


Exklusiv

Gerüstet gegen Papierfischchen, Museumskäfer und Co.

Büchersammler wie Archivare gruselt es, wenn sie nur an Papierfischchen denken. In den neuen Depots des Ferdinandeums wird akribisch gegen Insekten vorgesorgt.

© TT/ Julia HammerleRestaurator Alexander Fohs hat leicht lachen. Das Paul-Flora-Blatt ist sicher.



Von Sabine Strobl

Hall – „Eine Maus im Haus wäre mir lieber als ein Papierfischchen, das hat einen sehr schlechten Ruf. Mir ist in Österreich kein Fall in größeren Bibliotheken bekannt. Aber in Holland ist das Papierfischchen ein großes Thema“, meint Roland Sila, Kustos in der Bibliothek der Tiroler Landesmuseen. Nach der Papierfischchen-Invasion in den Niederlanden hätten die Alarmglocken in Europas Museen, Archiven und Bibliotheken geklingelt. Wer will sich schon seine Schätze von Papierfressern vernichten lassen. „Wir wollen auch bei einer Übernahme dabei sein. Wenn es kreucht und fleucht, verzichten wir darauf“, erzählt Sila. Das Museum lädt kurzerhand zu einem etwas anderen Archivbesuch ein.

Gesagt, getan. Im neue­n Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen in Hall sollen mehrere Millionen Objekte aufbewahrt werden. Die Übersiedlung der Bestände ist noch nicht ganz abgeschlossen. Auch Alexander Fohs, Restaurator von Bibliotheks- und Archivgut, hat sich theoretisch mit „Ctenolepisma longicaudata“ beschäftigt und meint: „Papierfischchen würden sich in einem Magazin wohlfühlen. Mit Papier und Pergament finden sie Nahrung ohne Ende vor. Ein Befall wäre in einem Museum der Super-­GAU.“ Der Restaurator führt durch Schleusen und polierte Gänge ins Grafikdepot. Fenster, durch die Lästlinge und Schädlinge eindringen könnten, gibt es hier nicht, dafür Zigtausende Grafiken.

Mensch und Tier sind mobil. Papierfischchen, Verwandte des hierzulande bekannten Silberfischchens, wurden vermutlich aus dem subtropischen Raum eingeschleppt. Während es Silberfischchen schön feucht mögen, schätzen Papierfischchen eine relative Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent und Temperaturen von über 20 Grad. Sie verdauen Zellulose, nehmen Feuchtigkeit über den Anus auf, kommen zur Not Hunderte Tage ohne Nahrung aus. Nachtaktiv tummeln sich die Vertreter der uralten Insektenart in Ritzen und können sich in einer alten Briefschachtel lange unentdeckt vermehren. Los wird man sie kaum mehr.

Also nichts mit kunterbuntem Durcheinander. Hier herrschen Ordnung und Sauberkeit, ein Staubkorn oder ein Haar müsste man mit der Lup­e suchen. Die Schränke im Depot stehen nicht direkt am Boden, berühren nicht die Wand, sind aus Metall, da rutschen diese Insekten ab. „Wir hoffen schon, dass wir Besuch mitbekommen“, meint der Restaurator mit einem Seitenblick auf die leere Klebefalle. Werden neue Bestände aufgenommen, kommen sie zuerst in Quarantäne, im Ernstfall in ein Stickstoffzelt, dann werden sie erst restauriert und im Depot untergebracht.

Falls Fohs einmal ein interessantes Insekt in die Falle geht, kann er sich an die Kollegen von der Naturwissenschaftlichen Sammlung im Haus wenden. Peter Huemer wacht dort unter anderem über eine Million Schmetterlinge, die in gut isolierten Kästen untergebracht sind. Sein Schreckgespenst sind Museumskäfer, die schlecht betreute Bestände rasch auffressen könnten. Neben Monitoring, Hygien­e und einer Gefrierkammer lautet seine Devise: „Wenn mit Sammlungen viel gearbeitet wird, dann gibt es keinen Befall. Insekten mögen geschützte Bereich­e, wo nur selten jemand vorbeikommt.“

Peter Huemer von der Naturwissenschaftlichen Sammlung zeigt die neuen Insektenkästen. Glas schützt vor Staub und Eindringlingen.
- TT/Julia Hammerle
Zerstört: In Schachteln werden Insekten nicht mehr gelagert.
- TT/Julia Hammerle

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