Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.10.2018


Bezirk Reutte

Fast ein bischöflicher Kabarettabend in Pflach

Bischof Hermann Glettler empfiehlt ein tägliches 15-minütiges Rendezvous mit dem Glauben. In der derzeitigen „Zuvielisation“ gelinge es Gott nicht mehr, durch den Speckgürtel hindurchzudringen.

Bischof Glettler erklärte in Pflach mit allen Menschen „Glauben und Gottesunsicherheit“ zu teilen: „Aber Jesus war keine Märchenfigur.“

© Mittermayr HelmutBischof Glettler erklärte in Pflach mit allen Menschen „Glauben und Gottesunsicherheit“ zu teilen: „Aber Jesus war keine Märchenfigur.“



Von Helmut Mittermayr

Pflach – „Heute bin ich in mich gegangen. War auch nichts los.“ Mit dem Zitat Karl Valentins sorgte Bischof Hermann Glettler für Schmunzeln im bis auf den letzten Platz gefüllten Kulturhaus in Pflach. Dies blieb am Samstag bei Gott nicht die einzige Pointe des Abends. Der hochrangige Festredner zu den Jubiläumsfeierlichkeiten des Katholischen Bildungswerkes unterhielt das Publikum humorvoll wie tiefsinnig auf fast kabarettistische Weise, ohne theologischen Tiefgang vermissen zu lassen.

Das Katholische Bildungswerk (KBW) der Region Reutte hatte gleich zwei Jubiläen zu feiern: Reutte sein 70-jähriges Bestehen, Wängle/Höfen sein 60-jähriges. Elmar Fuchs (KBW Reutte) führte im Namen der Mitveranstalterinnen Hanni Sandhacker und Elfriede Traxler (KBW Lechaschau), Birgit Hosp und Marianne Schautzgy (KBW Wängle/Höfen) und „Alten“-Trainerin Marlies Breithuber durch den Abend. Fuchs wies darauf hin, dass sich das Bildungswerk von einem reinen Männerclub in den Gründungstagen stark verändert habe und nun – bis auf seine Person – komplett weiblich sei. Er wünschte sich diese Form von Gleichberechtigung auch in Rom.

135 Gesichtsmuskeln braucht ein Mensch zum Lachen. Während der Rede des Bischofs von Innsbruck wollten die Kontraktionen kein Ende nehmen. Die Zwerchfelle hüpften, als er das leicht sperrige Thema „Vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Wie geht Christsein in einer pluralen Gesellschaft?“ verglettlerte. Vorab erteilte er den über 70-Jährigen eine Generalabsolution. Sie dürften während seiner Rede ruhig einnicken. „Mein Vater hat das bei Veranstaltungen des Katholischen Bildungswerks auch immer gemacht. Mein Mutter saß meist daneben. Und zack – hat sie ihm den Ellbogen hineingerammt.“ In Graz hätten die Leute über ihn gelästert: „Der hat uns die Neger gebracht.“ Er habe sofort relativiert: „Nein, die waren schon da. Ich kümmere mich nur um sie.“ Sein Vater habe Mutter Theresas Maxime „If there­ is no smile, make a smile“ gelebt. „Er litt sozusagen an Freundlichkeits­inkontinenz“, wortwitzelte Glettler, um doch immer gleich ernste Botschaften anzuhängen.

Einige (fragmentarische) Äußerungen des Bischofs: Für Christen sei die Zeit gekommen, um Zeugnis zu geben. Mission habe als Alternative nur Demission. Es gebe nichts dazwischen. Ein Missions-Statement abzugeben – das schaffe ja schon jede Firma, die Kastenwägen verkaufe. „Warum nicht auch wir Christen?“

Nicht das Jammern über immer weniger Gottesdienstbesucher sei angebracht, sondern ein persönliches Leuchten. Das mache den Glauben und Kirche attraktiv. Man solle aufpassen, wie man über andere denke. Denn das sei wirklichkeitsstiftend. Schlechtes Gerede über andere gebe es viel zu oft – gerade am Land, wo man sich kenne.

Glettler sprach auch von „Zuvielisation“. Gott schaffe es zurzeit nicht mehr, durch den Speckgürtel hindurchzudringen. Immer gilt es für den Bischof, „die Menschen mitzunehmen, nicht nur den Mordszinnober der Liturgie“. Im Sinne eines „Mutes zur neuen Mystik“ empfahl er, sich jeden Tag 15 Minuten dem Glauben zu widmen. Ein tägliches Rendezvous mit Gott. Der Königsweg zu Gott sei die Dankbarkeit, der Fluchtweg Not und Krankheit.

Auch Zeit für solidarisches Zeugnis sei notwendig. Wenn es schon der Lions Club zusammenbringe, sich wöchentlich zu treffen, dann könnten kleine Gruppen von Katholiken das wohl auch schaffen. Er sei dabei, dies auf den Weg zu bringen. Es gelte Lebensrelevanz – etwa in der Seelsorge – zu entwickeln, nicht nur fromm zu sein, ließ er die 200 Zuhörer wissen.