Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.10.2018


Osttirol

Sternenkinder: Leben gedenken, das früh endete

Gute Hoffnung, jähes Ende. Eltern trauern um ein Kind. Das Alter spielt dabei keine Rolle, sagen Monika Pucher-Schweiger und Maria Radziwon von der Selbsthilfegruppe Sternenkinder in Lienz.

Das Gemeinschaftsgrab der Sternenkinder am Friedhof in Lienz.

© Blassnig ChristophDas Gemeinschaftsgrab der Sternenkinder am Friedhof in Lienz.



Von Christoph Blassnig

Lienz – Das Kind hatte bereits seinen Namen. Ein Kinderzimmer war bereitet. Die Eltern freuten sich vier Wochen vor der Geburt auf ihren Sohn. „Heute hab’ ich Nico noch nicht gespürt“, wurde es Monika Pucher-Schweiger eines Tages bewusst. Nico war im Mutterleib verstorben und kam im Krankenhaus Lienz tot zur Welt. „Ich habe vier Kinder“, sagt die Mutter. „Nico ist ein Teil unserer Familie. Seine drei Geschwister trauern genau wie wir Eltern um ihn. Die Jüngste ist jetzt zwölf. Sie findet es schade, dass sie Nico nicht gekannt hat.“ Alle anderen haben das tote Kind in ihren Armen gehalten und gewiegt. Geblieben sind von ihm ein Fußabdruck und ein paar Haare. „Noch heute habe ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei Behörden die Anzahl meiner Kinder nennen muss und Nico nicht mit angeben darf“, meint Pucher-Schweiger mit traurigem Blick. Nach Nicos Geburt im Jahr 2006 gab es noch keine Begleitung durch eine Seelsorgerin oder eine Selbsthilfegruppe. Eine solche Gruppe ist erst später geründet worden. Seit Juni 2012 ist Pucher-Schweiger Obfrau.

„Es ist so wichtig, dass Eltern um ihre verstorbenen Kinder trauern dürfen“, ist Maria Radziwon überzeugt. Die Theologin arbeitet seit 2014 als Krankenhausseelsorgerin in Lienz: „Mit Leib und Seele. Ich bin meiner Berufung gefolgt und angekommen.“ Gemeinsam stehen die beiden Frauen der Selbsthilfegruppe Sternenkinder vor. An jedem ersten Mittwoch im Monat versammeln sich Betroffene oder Angehörige im Selbsthilfetreff, Rechter Iselweg 5a in Lienz. Sternenkinder sterben in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt.

„In Österreich zählt vor dem Gesetz ein Kind in der Regel erst ab einer Gewichtsgrenze von 500 Gramm“, erläutert Radziwon. „Für Mutter und Vater zählt das Kind natürlich auch vorher.“ Bis zum 1. April 2017 gab es weder eine Geburtsurkunde noch einen Totenschein für Sternenkinder. Seither ist es nach einer Gesetzesänderung möglich, diese Kinder ins offizielle Personenstandsregister eintragen zu lassen.

Monika Pucher-Schweiger und Maria Radziwon (v. l.) sind Ansprechpartner für betroffene Eltern und alle Angehörigen.
Monika Pucher-Schweiger und Maria Radziwon (v. l.) sind Ansprechpartner für betroffene Eltern und alle Angehörigen.
- Blassnig Christoph

Einige Male im Jahr werden Sternenkinder in einem eigenen Gemeinschaftsgrab am Lienzer Friedhof beigesetzt. „Wir verdanken diese Stätte der mittlerweile verstorbenen Heide Bernard“, erklärt Radziwon. „Das Andenken braucht einen Ort.“ Am Mittwoch, 31. Oktober, findet dort um 16 Uhr eine öffentliche Gedenkfeier statt. Betroffene melden sich unter 04852/606-85201 (BKH Lienz) oder 0676/3254540 (abends).