Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.11.2018


Osttirol

Die Niederalmwirtschaft droht zu verschwinden

Altbauer Josef Perfler hütet seit 58 Jahren im Sommer das Vieh auf einer Niederalm, Omad genannt. Außer ihm macht das keiner mehr.

© Blassnig ChristophAltbauer Josef Perfler und sein Neffe Robert Perfler haben im Spätsommer gemeinsam die Omad genannte Niederalm besichtigt. Im Jahr 1962 wurde auf der Weide das letzte Mal Getreide angebaut.



Von Christoph Blassnig

Außervillgraten – Es ist wie damals, als Josef Perfler als junger Mann zum ersten Mal auf die Niederalm kam, um den Sommer über dort das Vieh zu betreuen. Die massive offene Feuerstelle machte dem Begriff „Rauchküche“ schon im Jahr 1961 alle Ehre. Noch heute ist im Inneren der Almhütte alles unverändert: die Küche, die Stube, der Heuboden unter dem Dach und die Kühe im Stall. Die Materialseilbahn vom weiter unten liegenden Perfelhof war bis zur Elektrifizierung im Jahr 1948 wasserbetrieben.

„Ich bin der Letzte im Villgratental, der die Omad noch wie früher den ganzen Sommer über bewirtschaftet“, schildert der Altbauer, dessen Hof in der Außervillgrater Fraktion Unterfelden liegt. Die wenigen benachbarten Almhütten sind aufgegeben worden oder dienen als Touristenunterkünfte. Die Geschichte der Niederalmen reicht bis zur ersten Besiedelung der Hochtäler zurück. Vor rund 800 Jahren haben Grundbesitzer wie die Görzer Grafen alle hundert Meter eine Hofstelle mit etwa 10 Hektar Fläche begründet. Bis heute liegen die Urhöfe im Villgratental so weit voneinander entfernt. Aufgrund von späteren Teilungen sind erst in der Folge kleinere Einheiten entstanden. „Tatsächlich hat die Umstellung von der Viehwirtschaft auf den Pflanzenanbau schon im Mittelalter bewiesen, dass Tierhaltung im Vergleich zum Ackerbau wesentlich größere Flächen verbraucht“, sieht Robert Perfler, ein Neffe des Altbauern, Parallelen zur heutigen Landwirtschaft. Der alte Begriff der Omaden sei in theresianischer Zeit fälschlich als „Obheimaten“ eingedeutscht worden. „In Wirklichkeit handelte es sich um Flächen, wo unweit der Wirtschaftsgebäude eine künstliche Nährstoffanreicherung mit Dung möglich war“, ist der Neffe überzeugt. Nur deshalb sei dort überhaupt eine zweite Mahd möglich gewesen – von der zweimähdigen Wiese rühre der Name her.

„Im Jahr 1962 haben wir das letzte Mal Getreide auf unserer Omad angebaut“, erinnert sich der Altbauer. Das Vieh wurde deshalb noch weiter hinauf getrieben. „Lange Zeit haben wir damals die Tiere in den Wald getrieben, wodurch große Schäden entstanden sind. Wir wussten es einfach nicht besser“, berichtet Josef Perfler. Auf einer Seehöhe von 1600 Metern war bis zu dieser Zeit der Anbau von Feldfrüchten üblich. Mit den Tieren habe man von den Omaden aus noch die höchsten Almen erreicht. „Ich mache weiter, wie meine Gesundheit es zulässt“, erklärt der erfahrene Landwirt mit einem Lächeln.

Solche offenen Herde waren noch bis in die 60er-Jahre verbreitet.
- Blassnig Christoph