Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.11.2018


Gesellschaft

Vor dem Verschwinden bewahrt

Die Auszeichnung immaterielles Kulturerbe betont den Wert von Traditionen und schützt Gefährdetes. In Tirol blieb trotz Tourismus vieles erhalten.

© Beispiel für immaterielles Kulturerbe aus Tirol: das Wissen um Standorte, Ernte und Verarbeiten des Punktierten Enzians in Galtür.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Was einmal verlorengegangen ist, kann nie mehr zurückkehren. Vor allem, wenn es sich um Wissen handelt. Deshalb ist das Bewusstsein für die Bedeutung überlieferter Kenntnisse über Kräuter, Samenbau und Saatgutgewinnung oder Sprachen, altes Handwerk oder Brauchtum auch so wichtig, sagt die Volkskundlerin Edith A. Weinlich. Denn ohne Wertschätzung geht vieles davon verloren und verschwindet einfach. Die Aufnahme ins Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der österreichischen Unesco-Kommission ist eine solche große Wertschätzung, um auf die Bedeutung teils gefährdeter Traditionen aufmerksam zu machen und sie damit zu schützen.

Insgesamt 117 Bräuche sind bereits darin vertreten, 14 erst seit Oktober. Neu sind für Tirol, wo sich der Großteil des anerkannten immateriellen Kulturerbes in Österreich findet, die Flurnamen und die Rieselbewässerung im Oberland. Andere Beispiele, wie der Umgang mit der Lawinengefahr, werden derzeit gemeinsam mit der Schweiz für die internationale repräsentative Liste eingereicht, und auch die Transhumanz, die Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen, sollen mit Italien und Griechenland nominiert werden, verrät Gabriele Detschmann von der österreichischen Unesco-Kommission.

Gemeinsam mit Maria Walcher, ebenfalls Volkskundlerin, hat Weinlich alle 103 bis Oktober ausgezeichneten Bräuche in einem Buch aufgelistet, darunter die Wiener Kaffeehauskultur, Ferlacher Büchsenmacherei oder Klöppelei, das Scheibenschlagen oder der Handblaudruck. „Ein Erbe für alle“ sei aus Überzeugung von der besonderen Kraft der Traditionen, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu begründen und zu bewahren, entstanden, sagen die Autorinnen. Zu erben gebe es das Verständnis um Verantwortung, Rechte, Pflichten, über Generationen erprobte Erfahrung für ein gedeihliches Miteinander und die Herzenslust am Feiern.

Viele dieser Traditionen seien gefährdet, sagt Walcher, freiberufliche Expertin für immaterielles kulturelles Erbe und frühere Mitarbeiterin bei der Unesco Österreich. Betroffen sind vor allem alte Fertigkeiten, die nur noch von sehr wenigen Personen beherrscht werden, oft auch nur von einer, wie die Herstellung der Bodensee-Radhaube aus Laméspitze. Bürgersfrauen haben diese kranzförmigen Goldhauben früher getragen. Aber auch die Herstellung alter, hauseigener Rezepturen in Apotheken gilt als bedroht.

„Während materielles Kulturerbe die Leistungen der Vergangenheit dokumentiert, bezieht immaterielles Kulturerbe die Gegenwart mit ein“, schreibt Gabriele Eschig, Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission, in ihrem Vorwort. „Es ist ein lebendiges Erbe, das sich immer noch verändert und entwickelt. Es bleibt so lange erhalten, wie es gebraucht und praktiziert wird.“

Für Walcher ist es verblüffend, dass besonders in Tirol – „Tourismus kann Traditionen verfälschen“ – vieles erhalten blieb. Ein Beispiel sei die Ötztaler Mundart, die sozusagen als Gegenwelt mitten in einem von Massentourismus geprägten Tal die Gemeinschaft stärke. „Die eigene Sprache grenzt ab. Sie ist etwas, das nur den Bewohnern gehört.“

Der Schafwandertrieb und das Gauderfest in Zell am Ziller.
- Imma



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