Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.11.2018


Österreich

Frauendiakonat soll nicht länger Utopie bleiben

Ex-Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl wendet sich als „einfacher Katholik“ mit großer Erwartung an Bischof Manfred Scheuer.

© AFPPapst Franziskus begrüßt im Vatikan Diakone bei einer Jubiläumsmesse. Bis heute ist das niedrigste Weiheamt der katholischen Kirche Männern vorbehalten, obwohl es nach Ansicht mancher Theologen darüber keine endgültige lehramtliche Entscheidung gibt.



Carmen Baumgartner-Pötz

Linz – Seit 2015 ist Manfred Scheuer Bischof der Diözese Linz, davor war er zwölf Jahre lang Bischof der Diözese Innsbruck. Der gebürtige Oberösterreicher gilt innerhalb der katholischen Kirche als aufgeschlossen und progressiv, so plädierte er etwa bereits für die Priesterweihe verheirateter Männer („viri probati“). Nun sieht sich Scheuer angesichts der in der zweiten Novemberhälfte stattfindenden Synode (Diözesanversammlung) mit einem großen Anliegen konfrontiert.

Christoph Leitl, früherer WKO-Präsident und Präsident der Europäischen Handelskammern (Eurochambers), verweist in einem Brief an Scheuer auf einen Fall aus seiner Heimatpfarre Neumarkt im Mühlkreis, wo vor Kurzem ein Mann zum Diakon geweiht wurde. Gemeinsam mit ihm hat dessen Ehefrau die gleiche Ausbildung gemacht, die gleichen Prüfungen absolviert – nur die Diakonweihe blieb ihr verwehrt. „Ich bin mit vielen engagierten Katholiken einer Meinung, dass dies ein sowohl für die Kirche (Nächstenliebe) als auch die Gesellschaft (Diskriminierung) unhaltbarer Zustand ist, der das Vertrauen in die Kirche schwächt in einer Zeit, in der diese in einer Welt voll Veränderungen mehr denn je Orientierungspunkt sein sollte“, heißt es in dem Brief, der der Tiroler Tageszeitung vorliegt.

Leitl wünscht sich „als einfacher Katholik“ von seinem Bischof, dass dieser die Weihe der erwähnten Frau zulässt und damit einen symbolischen Beginn für das Frauendiakonat setzt. Leitl argumentiert damit, dass Papst Franziskus selbst seine Kirche zu mutigen Schritten auffordert (siehe Faksimile). Genau diesen Mut fordert der Eurochambers-Präsident nun von Scheuer ein. Der hat zwar über Kardinal Christoph Schönborn vom Inhalt des Briefes bereits erfahren, diesen aber selbst noch nicht bekommen, wie er der TT sagte. Er werde ihn aufmerksam studieren, so Scheuer.

Die Frage des Frauendiakonats in der katholischen Kirche ist nicht nur für Laien kompliziert und schwer zu verstehen. Dass es in den ersten Christengemeinden und in der frühen Kirche Frauen gab, deren Aufgabe als Diakonin bezeichnet wurde, findet sich in der Bibel wie auch in alten theologischen Schriften belegt. Papst Franziskus selbst nannte einmal historische Beispiele für Helferinnen des Bischofs.

Erst im September hatte sich Kardinal Christoph Schönborn ungewöhnlich offen zu dem Thema geäußert: „Ich habe eine starke Beziehung zu meinen Priestern und Diakonen. Erst kürzlich durfte ich wieder Diakone weihen. Eine große Freude. Vielleicht darf ich auch einmal Frauen zu Diakoninnen weihen …“, schrieb Schönborn auf Twitter. Der Tweet wurde allerdings nach kurzer Zeit wieder gelöscht.

Zu Ostern hatte Schönborn im Interview mit der Tiroler Tageszeitung erklärt, er wünsche sich einen höheren Frauenanteil in leitenden Positionen. Die Weihe von Frauen zu Diakonen, Priestern und Bischöfen sei aber eine Frage, „die sicher nur von einem Konzil geklärt werden kann“. Das könne auch nicht ein Papst alleine entscheiden. Zu den Befürwortern des Frauendiakonats zählt auch Scheuers Nachfolger in Innsbruck, Bischof Hermann Glettler.

Das niedrigste Weiheamt ist Teil der Hierarchie des Klerus, ebenso wie die Ämter des Priesters und Bischofs. Diakone haben Anteil an den kirchlichen Aufgaben der Lehre und der Sakramentspendung – sie dürfen etwa taufen und predigen, nicht aber die Beichte abnehmen oder Eucharistie feiern. Papst Franziskus will eine stärkere Präsenz von Frauen und hat 2016 eine Kommission zum Frauendiakonat einberufen, was als Signal der Öffnung gewertet wurde. Die Kommission soll sich aber vor allem mit historischen Fragen beschäftigen.