Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.11.2018


Bezirk Schwaz

Pfarrer Theurl über Armut: “Man muss genauer hinsehen“

Ob verdeckt oder offensichtlich – Armut gibt es überall. Das weiß auch der Schwazer Pfarrer Rudolf Theurl. Er spricht offen über die Armut und ihre Folgen in Schwaz.

© Fankhauser



Schwaz — Vor Kurzem eröffnete die Pfarre St. Barbara in Schwaz eine Notschlafstelle für Pilger am Jakobsweg oder auch Obdachlose. Pfarrer Rudolf Theurl sei von der Errichtung einer solchen Unterkunft abgeraten worden. Doch er weiß, dass die Armut überall um sich greift und dass auch in Schwaz die Menschen Hilfe brauchen.

In Lienz hat man Seitens der Politik eine Notschlafstelle errichtet und in Kufstein ergriffen die Tiroler Sozialen Dienste die Initiative. Warum haben Sie das in Schwaz übernommen?

Theurl: Eine Pfarre hat mehr Möglichkeiten, ehrenamtliche Leute zu finden. Und wir haben sehr gute Leute. Die Stadt unterstützt uns. Sie hat ein Drittel der Kosten für die Notschlafstelle übernommen und unterstützt uns auch so viel. Die Stadt weiß genau, dass bei uns eine gute Arbeit geleistet wird. Ich glaube, dass es einer Pfarre guttut, wenn sie so etwas Soziales macht. Nur predigen allein ist zu wenig.

Wie macht sich die Armut in Schwaz bemerkbar?

Theurl: Es kommen viele Leute in den Sozialladen, wo wir merken, die sind alle finanziell nicht so gut situiert. Daher bieten wir auch eine Sozial- und Schuldenberatung an. Eine andere Schiene ist, dass ich die Religionslehrer frage, wo ihnen ein Kind auffällt. Ich besuche aber auch alle Familien der Erstkommunionskinder — das sind heuer 50. Da komme ich von gut situierten Familien bis hin zur alleinerziehenden Mutter in der Freiheitssiedlung und kann mir ein Bild machen. Wir haben auch sehr viele geheime Süchtige in Schwaz. Durch Überbelastung gibt es viele junge Frauen, die zu trinken anfangen. Heimlich. Heute bin ich grade wieder einer begegnet. Das passiert aus einer seelischen Not heraus. Frauen sind oft sehr eingespannt, sollen immer funktionieren, die Kinder erziehen, arbeiten, fesch und im Bett die Beste sein. Das ist für viele zu viel. Arm sind auch manche Leute in den Altersheimen, auch wenn dort sehr viel getan wird. Trotzdem gibt es welche, die das ganze Jahr keinen Besuch bekommen.

Was sind die größten Sorgen der armen Schwazer?

Theurl: Dass sie die Wohnungen nicht mehr bezahlen können, sie ihren Kindern nichts oder zu wenig bieten können oder die ärztliche Versorgung für sie und die Kinder nicht mehr leistbar ist.

Wie gehen diese Leute mit der Armut um?

Theurl: Es gibt Sozialschmarotzer. Die nützen ihre Armut aus. Andere ringen sehr hart mit ihrer Armut, wenn sie sich den Arztbesuch nicht mehr leisten können. Oder eine geschiedene, alleinerziehende Mutter tut sich schwer, wenn sie drei Kinder in der Schule hat. Das eine fährt nach Italien zum Sprachkurs, das andere in die Wintersportwoche, und dann braucht es diese Schultasche, dieses Heft oder andere Dinge. Der Konsumzwang ist ein Problem. Kinder und Eltern stehen unter Druck. Manche Frauen kaufen sehr klug ein und sind sparsam, andere können das nicht so gut. Und die Schulen sind da zu wenig sensibel. Denn genau da entsteht Armut. Die Mutter weiß nicht mehr, wie sie das alles zahlen soll.

Ist die Armut ein Tabuthema in Schwaz?

Theurl: Ja, eher schon. Es heißt immer: Wir haben keine Armen. Man muss genauer hinsehen. Da gibt es schon schlimme Schicksale.

Haben Sie das Gefühl, dass in Schwaz das Sprichwort „Arme werden immer ärmer und Reiche immer reicher" zutrifft?

Theurl: Eher schon. Über das redet man nicht gerne. Es gibt sehr Reiche, die nichts hergeben. Gar nichts. Die sind von ihrem Geiz so sehr geplagt, dass sie noch viel ärmer sind als alle anderen. Es gibt aber auch Reiche bei uns, die sehr viel hergeben. Dann gibt es noch jene, die mit der Armut ein Geschäft machen. Ich habe einen reichen Schwazer gefragt, ob er für eine geflüchtete Frau mit Kindern eine Wohnung für ein Jahr um 100 Euro billiger vermietet. Er hat mich ausgelacht.

Was kann der einzelne Schwazer machen, um gegen die Armut anzugehen?

Theurl: Da passiert sehr viel. Vom Kinderhilfswerk bis hin zu den Kiwanis, Lions oder Rotariern. Man kann sich als Ehrenamtlicher einsetzen. Die Stadtgemeinde ist auch sehr sozial und hilft vielen. Dann gibt es in unserer Pfarre viele verschiedene Aktionen, wie den Elisabethkorb, der vor dem Altar steht, dort können die Leute Kaffee, Nudeln oder Ähnliches hineingeben. Die Hälfte geht an den Sozialladen. Die andere Hälfte wird in Paketen verpackt und geht an Schwazer Familien.

Das Interview führte Eva-Maria Fankhauser