Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.11.2018


Exklusiv

Roma-Ghettos in Bulgarien: Endstation „Zuckerfabrik“

Krankheit, Armut und Perspektivlosigkeit prägen das Leben in den Mahalas – so werden die Roma-Ghettos in Bulgariens Hauptstadt Sofia genannt. Ein Besuch zwischen Angst, Hilflosigkeit und Hoffnungsschimmern.

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© Benedikt Mair



Von Benedikt Mair

Sofia – Beißend liegt der Geruch von Kot und Urin in der Luft. Tausende Schmeißfliegen tänzeln durch die sich anbahnende Dämmerung über dem Platz vor den Baracken. Zwischen Pferden, streunenden Hunden, Schrott tollt eine Handvoll Kinder umher. Sie kraxeln auf einen verrosteten Schlitten. Und lachen. Noch hat es die Trostlosigkeit nicht geschafft, ihnen die Unschuld zu rauben. An einem mit Abfall und Unrat vollgestopften Kanal entlang zieht sich rund zwei Kilometer wie eine Schlange die Mahala – so werden die Ghettos der Roma genannt.

Dieser Ort liegt in einem Viertel im Nordwesten Sofias, der Hauptstadt Bulgariens. Eine Millionenmetropole, gut eine Flugstunde von Wien entfernt. Wegen eines inzwischen verfallenen Industriekomplexes heißt die Gegend Zaharna Fabrika, zu Deutsch: Zuckerfabrik. Zwar ist jene Mahala in Zaharna Fabrika eine von Dutzenden in Sofia, aber „mit unter den schlimmsten“, wie Einheimische berichten. Rund 2000 Roma wohnen hier. Wie viele genau, weiß man nicht. Gezählt hat sie niemand. Ein Leben geprägt von Krankheit, Armut, Perspektivlosigkeit. Wer hier lebt, ist ganz unten angekommen. Endstation.

Eine verfahrene Situation. Davon berichtet auch Markus Inama, Vorstand der Hilfsorganisation Concordia Sozialprojekte und bis vor Kurzem Rektor des Innsbrucker Jesuitenkollegs. In einem sonst schon bitterarmen Land sei es für eine ethnische Minderheit wie die Roma, die seit Jahrzehnten ausgegrenzt würden, noch schwerer.

Ivaylo Stoimenov trainiert die Concordia-Fußballmannschaft.
Ivaylo Stoimenov trainiert die Concordia-Fußballmannschaft.
- Benedikt Mair

Allein in Sofia leben geschätzt 120.000 Roma. „Sie sind einem tief in der Bevölkerung verankerten Rassismus ausgesetzt. Man sagt ihnen nach, dass sie nur stehlen, nicht arbeiten wollen“, sagt der Jesuitenpater. Dabei lasse man den Roma oft keine andere Wahl. Wer sich als einer von ihnen zu erkennen gibt, habe kaum Chancen auf einen geregelten Arbeitsplatz. Oder eine Wohnung. Wer seine Herkunft leugnet, wird von der eigenen Familie verstoßen.

Inama spricht aus Erfahrung. Vor zehn Jahren war er es, der für Concordia die Arbeit in Bulgarien aufnahm, erste Projekte und Initiativen aufgebaut hat. Das Sozialzentrum Sveti Konstatin zum Beispiel, rund 15 Autominuten von Zahana Fabrika entfernt. Concordia hat vor zehn Jahren das einstige Mehllager renoviert, dort werden besonders Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien betreut. „Etwa 80 Prozent unserer Klienten sind Roma“, erzählen Dilyana Gyurova und Stela Gachevska. Die beiden leiten die Concordia-Projekte in Bulgarien. Zum Zentrum gehört neben Wohnungen für Härtefälle und einem Krisenzentrum für Obdachlose auch eine Tagesstätte für Kinder. „Viele von ihnen sind mangelernährt, es fehlt ihnen an feinmotorischen Fertigkeiten, weil sie vernachlässigt wurden“ sagt Gachevska.

 Auch Pferde und streunende Hunde nennen den Vorplatz ihr Zuhause.
Auch Pferde und streunende Hunde nennen den Vorplatz ihr Zuhause.
- Benedikt Mair

Zurück in der Mahala in Zaharna Fabrika. Hier wohnt Petr, Ende 30, vielleicht Anfang 40. Sein eingefallenes, knochiges Gesicht und die stark ergrauten Haare lassen ihn noch älter aussehen. Über einen notdürftig aus Paletten und Spanplatten gezimmerten Steg gelangt man zwischen zwei Baracken hindurch zu seiner Wohnstatt. Notdürftig aus Ziegelsteinen aufgestellt, rostige Wellblechplatten schützen die Freiluftkochstelle vor Wind.

Auf etwa zehn Quadratmetern, Matratzen auf dem Boden ausgebreitet, lebt Petr mit seiner Frau und den acht Kindern, der älteste Sohn 17 Jahre, der jüngste Spross gerade vier Monate alt. Der Familienvater verdingt sich als Straßenarbeiter. Fließend Wasser gibt es keines. Ein kleiner Holzofen spendet Wärme. „Ich hoffe, dass sie unser Haus nicht abreißen“, sagt Petr. Beizeiten lassen die Behörden Bagger und Laster bei den Mahals vorfahren, reißen Baracken ein. Alltägliche Schikane.

Petr lebt mit Frau und acht Kindern in einer kleinen Baracke auf dem Gelände.
Petr lebt mit Frau und acht Kindern in einer kleinen Baracke auf dem Gelände.
- Benedikt Mair

Ortswechsel. „Bravo, Bravo“, schreit Ivaylo Stomenov den Burschen zu, die über den Platz neben der Friedhofsmauer einem Ball hinterherjagen. Stomenov war Profisportler, trainiert die Fußballmannschaf von Concordia. Kinder aus den Mahalas – auch Petrs ältester Sohn Razim – können hier umsonst in einer Vereinsstruktur spielen, bekommen Schuhe und Trikots gestellt. „Wer trainieren und spielen will, muss aber zur Schule gehen“, sagt Dilayana Gyurova von Concordia. „Ein großer Erfolg. Keines der Kinder und keiner der Jugendlichen, die mitmachen, ist im vergangenen Jahr sitzen geblieben.“

Es sind die kleinen Hoffnungsschimmer, welche die Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter von Concordia nicht verzweifeln, sondern weitermachen lassen. Ein Licht am Ende des Elends-Tunnels für die Bewohner der Mahalas scheint noch lange nicht in Sicht, glaubt auch Markus Inama: „Es wird Generationen dauern, bis die Probleme der Roma gelöst sind.“

Spenden für Concordia

Die österreichische Hilfsorganisation Concordia kümmert sich besonders um Familien und Kinder in Bulgarien, Rumänien und Moldawien. Concordia sorgt für medizinische Grundversorgung, warme Mahlzeiten, Lernhilfe oder Tagesbetreuung. Die Organisation finanziert sich fast ausschließlich durch Spenden. Der heutigen TT-Ausgabe liegt ein Erlagschein bei, mit dem mitunter die Concordia-Projekte in Sofia unterstützt werden können.