Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.11.2018


USA

Tod einer US-Schülerin: „Mama, ich bin angeschossen“

Über den Tod einer US-Schülerin, die in einem Aufsatz gegen die Waffengewalt angeschrieben hatte.

© iStockphotoSymbolbild.



Von Floo Weißmann

Washington – „In der Stadt, in der ich lebe, höre und sehe ich fast jeden Tag Beispiele für Chaos. Kleine Kinder sind Opfer sinnloser Waffengewalt“, schrieb die damals elfjährige Sandra Parks 2016. Sie gewann damit einen Preis beim Aufsatzwettbewerb der öffentlichen Schulen von Milwaukee im amerikanischen Mittelwesten. Wie US-Medien berichteten, starb die Schülerin am Montagabend durch eine Kugel, die durch die Wände in ihr Haus drang, als sie gerade in ihrem Zimmer fernsah.

Parks ist kein Einzelfall. Heuer seien bereits sieben Schüler erschossen worden, teilte die Stadt Milwaukee mit. Aber ihr Schicksal unterstreicht Amerikas Waffenproblem. In Parks’ eigenen Worten: „Zuversicht und Hoffnung in das, was Menschen schaffen können, sind verloren gegangen in den schlechten Entscheidungen, die wir treffen.“

Schlechte Entscheidungen getroffen haben offenbar jene zwei Männer Mitte zwanzig, die wenige Stunden nach dem Tod von Parks in der Umgebung festgenommen wurden. Bei ihnen wurde eine Kalaschnikow gefunden, die laut ballistischem Test zu den am Tatort sichergestellten Kugeln passt. Warum sie auf der Straße herumgeballert haben, blieb zunächst unklar.

Parks’ Mutter erzählte, sie sei an jenem Tag früh zu Bett gegangen. Die Kinder hätten noch ferngesehen. Sie sei durch die Schüsse aufgewacht und habe ihre Tochter blutend am Fußboden vorgefunden. „Mama, ich bin angeschossen, ruf die Rettung!“, habe Sandra gesagt. Sie starb noch an Ort und Stelle. „Sie hat nicht geweint. Sie hat nicht geschrien. Sie war so friedlich“, wurde die Mutter zitiert.

Der Bürgermeister von Milwaukee, der Demokrat Tom Barrett, schimpfte vor der Presse über den „Wahnsinn“ der Waffengewalt in den USA. „Im städtischen Raum erleben wir einen Massenmord in Zeitlupe“, sagte Barrett.

Im Jahr 2016 sind in den USA fast 15.000 Menschen erschossen worden, Selbstmorde nicht eingerechnet. In keinem anderen entwickelten Land gibt es eine vergleichbar hohe Todesrate durch Schusswaffen. Auffallend: In Bundesstaaten mit weniger Waffen und strengerer Kontrolle ist die Todesrate niedriger.

Dennoch ging der Trend zuletzt in Richtung Lockerung der Waffengesetze, betrieben vor allem von den Republikanern, die derzeit noch alle politischen Institutionen in Washing­ton kontrollieren. Auch Präsident Donald Trump hat sich der Lesart der Waffenlobby verschrieben, wonach die Antwort auf Waffengewalt vor allem eine bessere Bewaffnung sei – um sich im Notfall verteidigen zu können.

Sandra Parks hätte das nicht geholfen. Sie hatte eine andere Vision. „Unsere erste Wahrheit ist, dass wir anfangen müssen, uns umeinander zu kümmern“, hatte sie in ihrem Aufsatz geschrieben. „Unsere zweite Wahrheit ist, dass wir eine Bestimmung brauchen. Wir sind die zukünftige Generation, deshalb müssen wir eine Ausbildung haben, um in der Welt einen positiven Unterschied zu machen.“




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