Letztes Update am So, 16.12.2018 06:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

„Spenden ist zu wenig, Helfen bleibt ein Hinterherhecheln“

Der Autor Ilija Trojanow setzt sich kritisch mit dem Spendenwesen auseinander. Er macht aber klar, dass Soforthilfe alternativlos ist.

"Ärzte ohne Grenzen" stellt die Rettung mittels der Aquarius ein, bisher wurden fast 30.000 Migranten vor dem Ertrinken bewahrt. Neben Italien trage auch Österreich massiv Schuld am Aus.

© imago/Pierre Berthuel"Ärzte ohne Grenzen" stellt die Rettung mittels der Aquarius ein, bisher wurden fast 30.000 Migranten vor dem Ertrinken bewahrt. Neben Italien trage auch Österreich massiv Schuld am Aus.



Innsbruck – Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Die Österreicher gelten als sehr freigiebig, die Tiroler als Spendenkönige. Doch so einfach ist das mit der Unterstützung nicht. Der ausgezeichnete Auto­r Ilij­a Trojanow hat mit dem Menschenrechtsaktivisten Thomas Gebauer in Pakistan, Kenia, Sierra Leone und Guatemala verschiedene Ansätze von Hilfe recherchiert.

Spenden Sie auch?

Ilij­a Trojanow: Einer Organisation, der ich vertraue, überweise ich einmal pro Jahr einen größeren Betrag. Anhand eines Bettlers kann man den Zwiespalt des Spendens darstellen: Wir fühlen Empathie, aber auch Scham.

Grundsätzlich stehen Sie Spenden skeptisch gegenüber. Warum?

Trojanow: Wohltätigkeit ist keine Lösung, wenn man Not und Ungerechtigkeit überwinden will. Da muss man schon versuchen, die Verhältnisse, die Armut produzieren, zu verändern. Wenn ich einem Obdachlosen Geld gebe, kann er eine Nacht im Trockenen verbringen, das ist gut. Es ändert jedoch nichts daran, dass er wieder auf der Straße sitzt.

Hilfsorganisationen, die Menschen im Mittelmeer retten, werden systematisch als Handlanger der Schleppermafia diffamiert.

Trojanow: Die Kriminalisierung von Hilfsorganisationen ist einfach nur skandalös. Menschen vor dem Ertrinken zu retten, kann nie problematisch sein. Wer das glaubt, ist ein unglaublicher Zyniker.

Die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, Margaretha Maleh, ist Tirolerin. Wie sehen Sie diese Organisation?

Trojanow: Ich habe neulich eine Laudatio auf „Ärzte ohne Grenzen“ in Hamburg gehalten. Sie machen eine sehr gute Arbeit, aber sie reflektieren auch stark darüber. Viele Mitglieder haben gesagt, sie entwickeln das Konzept weiter, die medizinische Nothilfe sei zu wenig. Sie haben einen Katalog über langfristige Maßnahmen erstellt. Alle NGOs wollen die Not überwinden, doch das Helfen bleibt ein ständiges Hinterherhecheln.

Viel wird von der Macht der Konsumenten gesprochen. Sie zeigen auf, dass bei Textilien auch Markenware mittels Ausbeutung erzeugt wird. Was können wir also tun?

Trojanow: Der Textilsektor ist das beste Beispiel dafür, dass es keine Lösung durch einen ethisch bewussten Konsum gibt. Es braucht andere politische Rahmenbedingungen. Die Konzerne müssen Verantwortung tragen. Wenn 263 Näherinnen verbrennen, braucht es schmerzhafte Sanktionen für den Konzern. Ein Problem ist auch, dass es weltweit viel zu viel Investitionsschutz und zu wenig Menschenschutz gibt. Konzerne können sich darauf verlassen, dass sie auch ökologisch desaströse Dinge gegen die Bevölkerung durchsetzen.

Was funktioniert?

Trojanow: Weniger Fleischkonsum würde etwas verändern. Wir müssen aber deswegen nicht alle Vegetarier werden.

Und die Konzentration auf lokale Produkte?

Trojanow: Das Problem ist, wie eine Frau das benannte: „Schlimmer als ausgebeutet zu werden ist, nicht mehr ausgebeutet zu werden.“ Die Menschen brauchen das Geld. Es ist kompliziert. Fairer Handel ist gut, kommt aber nur langsam voran.

Wie soll man spenden?

Trojanow: Wichtig ist, dass man keine Abhängigkeit erzeugt und die Menschen vor Ort über die Verwendung der Gelder bestimmen. Es gibt Rankings, welche NGOs am effizientesten sind. Aber: Wenn eine Schulbibliothek ausgestattet wird, ist der Nutzen nicht offensichtlich. Es ist schwer messbar, was die Lektüre von Tolstoi bringt.

Ist Spenden eine Art Freikauf von schlechtem Gewissen?

Trojanow: Jeder, der spendet, hat eine gute Absicht. Aber wir müssen auch unsere imperialistische Lebensweise hinterfragen. Verbrauchen wir zu viele Ressourcen, beuten wir andere aus? Derzeit ist es in manchen Kreisen chic, nach Baku in Aserbaidschan zu einer angesagten Party zu fliegen.

Warum vertrauen viele bei der Lösung von Problemen auf rechte oder rechtsextreme Parteien?

Zur Person

Ilija Trojanow: geboren 1965 in Sofia, hat viele Bestseller geschrieben wie etwa „Die Weltensammler“. Sein Buch „Hilfe? Hilfe!“ ist im Fischer Verlag erschienen.

Trojanow: Weil einfache Lösungen geboten werden. Auf dem Marktplatz werden nur einfache Botschaften gehört, differenzierte Erklärungen haben keinen Platz. Aber es gibt viele Menschen, die nicht rückwärtsgewandt sind, die Visionen für eine gerechtere Zukunft entwickelt und sich zusammengetan haben. Ich bin sicher, dass wir Ängstlichkeit und Verzagtheit überwinden können.

Das Interview führte Alexandra Plank