Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.01.2019


Gesellschaft

„Fischleitern sind kein Luxus, sondern Krücken“

Nach Kritik von Wirtschaftslandesrätin Zoller-Frischauf verteidigt der Tiroler Fischereiverband die Errichtung von Fischaufstiegshilfen.

Der Sillabschnitt im Bereich Frachtenbahnhof/Stadtteil Tivoli heute. Die Barriere ist verschwunden, die Fische können die Sill flussaufwärts erkunden. Und sie tun es auch.

© Foto TT / Rudy De MoorDer Sillabschnitt im Bereich Frachtenbahnhof/Stadtteil Tivoli heute. Die Barriere ist verschwunden, die Fische können die Sill flussaufwärts erkunden. Und sie tun es auch.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Es sind Aussagen von Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf, die bei Tirols Fischern dieser Tage für Kopfschütteln sorgen. Bei gleich mehreren Gelegenheiten im Rahmen von Neujahrsempfängen der Wirtschaftskammer Tirol hatte sich Zoller-Frischauf (ÖVP) abfällig über Fischleitern in Fließgewässern geäußert. So hatte sie beispielsweise jüngst in Innsbruck und eine Woche später in Reutte erklärt, dass man sich hierzulande nicht vorrangig um seltene Vögel, Würmer und Fischaufstiegsleitern kümmern solle, sondern um den Vormarsch Chinas. Die Wirtschaftslandesrätin sprach in diesem Zusammenhang auch vom so genannten „Gold-Plating“, also dem Übererfüllen von Mindeststandards.

Zacharias Schähle, Geschäftsführer des Tiroler Fischereiverbande­s (TFV), sieht in den Äußerungen einen Angriff auf geltende und längst anerkannte Umweltstandards. „Fischleitern sind beim Kraftwerksbau Teil des Behördenverfahrens. Umso verwunderlicher ist es, dass diese Bauwerke von der Landesrätin nun als Jux und Tollerei abgetan werden“, meint Schähle. Bei der Errichtung von Fischaufstiegshilfen gehe es schließlich nicht darum, die Bedürfnisse der Fischer zu befriedigen oder gar deren „Hobby“ zu fördern, sondern darum, für den Erhalt eines funktionierenden Gewässersystems zu sorgen.

„Wir können gar nicht so viele Kläranlagen bauen, wie sich die Gewässer natürlich reinigen“, sagt Schähle. Voraussetzung für diese Selbstreinigung sei allerdings ein gesundes und ausgeglichenes Flusssystem mit möglichst vielen zusammenhängenden Fließstrecken. Und ein wichtiger Teil davon seien eben die Fischaufstiegsanlagen, betont Schähle. „60 Prozent aller Fließgewässer in Österreich erfüllen die Umweltstandards der EU nicht.“ Von einem „Gold-Plating“ könne also keine Rede sein. „Fischleitern sind sicher kein Luxus. Sie sind vielmehr Krücken, die notwendig geworden sind, weil wir unsere Flüsse und Bäche derart verbaut haben“, sagt Schähle.

Der Sillabschnitt im Bereich Frachtenbahnhof/Stadtteil Tivoli einst.
Der Sillabschnitt im Bereich Frachtenbahnhof/Stadtteil Tivoli einst.
- Helmut Zaderer

Dass diese Anlagen funktionieren und ihre Aufgaben hervorragend erfüllen, würden zahlreiche Beispiele zeigen. An der Sill in Innsbruck etwa wurde vor zwei Jahren eine Staustufe entfernt und durch eine naturnahe Fischtreppe ersetzt. Schon bald wurden flussaufwärts Fische gesehen, die es vorher nicht dorthin geschafft hatten, sagt Schähle. Auch optisch sei der Abschnitt dadurch aufgewertet worden.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

„Fischtreppen in Frage zu stellen wäre so, als würde man sich plötzlich beklagen, dass im Dieselauto Partikelfilter eingebaut sind“, sagt Schähle und wundert sich, dass die Kritik ausgerechnet von der Wirtschaftslandesrätin kommt. „Schließlich sind es meist einheimische Ingenieurbüros und Firmen, die mit der Planung und dem Bau der Anlagen beauftragt werden.“