Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.02.2019


Exklusiv

Die Liebe kam in Kramsach mit der Rettung

Vier junge Menschen fanden ihre große Liebe im Freiwilligendienst beim Roten Kreuz in Kramsach. Mit der TT sprachen sie zum Valentinstag über Liebe, deren Symptome und den „Beziehungs-Notfallkoffer“.

Lisa und Tobias Bitterlich mit Sohn Andreas (l.) sowie Lisa Schneider mit Hannes Oberhollenzer: Beide Paare lernten sich beim RK-Freiwilligendienst kennen, Letztere haben sich im November verlobt.

© HrdinaLisa und Tobias Bitterlich mit Sohn Andreas (l.) sowie Lisa Schneider mit Hannes Oberhollenzer: Beide Paare lernten sich beim RK-Freiwilligendienst kennen, Letztere haben sich im November verlobt.



Von Jasmine Hrdina

Kramsach – Mit dem Slogan „Aus Liebe zum Menschen“ bewirbt das Rote Kreuz seine umfangreichen Dienstleistungen. In Kramsach scheinen vier junge Sanitäter die Nächstenliebe etwas wörtlich genommen haben: Sie haben unter ihren Kameraden den Partner fürs Leben gefunden.

Erste Symptome machten sich bei Lisa Bitterlich bemerkbar, als Tobias Bitterlich das erste Mal 2005 im Wachzimmer in Kramsach vor der frisch ausgebildeten Sanitäterin stand. „Ich war 17 und hatte offenbar ein Faible für Uniformen“, lacht die heute 30-Jährige. Schon damals prophezeite ihnen ein Kollege bei der Weihnachtsfeier eine gemeinsame Zukunft – und sollte Recht behalten.

Die Bitterlichs wurden bei ihrer Hochzeit 2015 standesgemäß im Rettungsauto zur Kirche gebracht. Sie erwarten im Mai ihr zweites Kind.
Die Bitterlichs wurden bei ihrer Hochzeit 2015 standesgemäß im Rettungsauto zur Kirche gebracht. Sie erwarten im Mai ihr zweites Kind.
- bitterlich

Herzrasen, Schweißausbruch, nervositätsbedingte Sprachdefizite – die Anzeichen beim Rettungsausflug an den Gardasee vor neun Jahren waren für Lisa Schneider und Hannes Oberhollenzer deutlich: Sie hatten sich beide infiziert, mit einem hartnäckigen Liebes-Virus.

Heilmittel für die Liebe gibt es bekanntlich keines – und wäre in diesen Fällen auch nicht notwendig. Ein Defibrillator, um ihre Beziehung wiederzubeleben, war bisher nicht notwendig, Vitalzeichen deutlich vorhanden. Dafür sei aber intensive Pflege notwendig, sind sich die zwei Paare eins.

Anders als im Rettungsdienst gibt es bei Beziehungen keinen Notfallkoffer, den man schnell mal auspacken kann. Schneider sieht aber eine entscheidende Parallele zwischen dem Rettungsdienst und Beziehungen: „So wie wir jeden Patienten individuell behandeln, muss man auch jede Beziehung für sich betrachten und sehen, was dafür notwendig ist“, sagt die 25-Jährige. Die Kommunikation stehe in beiden Welten an oberster Stelle: „Wenn erst einmal die Kommunikation nicht mehr funktioniert, wird es heikel“, meint Lisa Bitterlich.

Die vier Freiwilligendienstler aus Kramsach sind übrigens nicht die Einzigen, die ihr passendes Gegenüber bei den Rot-Uniformierten fanden. „Wir sind besser als jede Partnervermittlungsagentur“, ist Kufsteins RK-Bezirksstellenleiter Heinz Scherfler überzeugt. Er habe Dutzende Lieben aufblühen – manche auch welken – gesehen.

Die Kramsacher Retter-Pärchen wundert das nicht. Tobias Bitterlich (35) glaubt, es habe mit einer Art Offenbarung des wahren Charakters zu tun. „Wenn man fürsorglich mit den Patienten umgeht, strahlt man automatisch etwas Positives aus.“

Seine 30-jährige Frau sieht die gemeinsamen Erlebnisse als emotionalen Kleber: „Man verbringt elf bis 13 Stunden bei einem Dienst miteinander, wobei es nicht nur spaßig zugeht. Es geht um Menschenleben und hier zählt Teamwork. Da muss die Chemie zwischen den Kollegen ohnehin stimmen.“

Einzigartige Momente zu teilen, präge eine Beziehung, meint der 31-jährige Oberhollenzer. „Wenn man gemeinsam ein Leben rettet, schweißt das einfach zusammen.“

Für seine Verlobte Lisa Schneider sei es zudem nicht selbstverständlich, dass ein Partner Verständnis für eine solch zeitintensive Freizeitbeschäftigung wie den freiwilligen Rettungsdienst aufbringe.

Auch wenn sich Amor hier treffsicher zeigt, ein bisschen Glück gehört schon auch noch dazu. Der Pfeil des Liebesschützen hätte sich schließlich auch zu den 100 anderen Mitglieder der Ortsstelle Kramsach bzw. den 800 Rot-Kreuz-Kollegen im Bezirk verirren können.

Dass die Nächstenliebe beim Roten Kreuz immer wieder solche Formen annimmt, freut Berziksstellenleiter Scherfler besonders, „weil sie dann meist länger bei uns Mitglied bleiben“. Die durchschnittliche Verweildauer im Freiwilligendienst betrage ansonsten etwa vier Jahre.