Letztes Update am Fr, 15.02.2019 08:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Missbrauch in der Kirche

Vatikan organisiert hochrangig besetzten Kinderschutzkongress

Aus Österreich nimmt der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn an der Tagung nächste Woche teil. Auch Missbrauchsopfer selbst sollen zu Wort kommen.

Symbolbild.

© APASymbolbild.



Vatikanstadt – Mit einem hochrangig besetzten Kongress zum Thema Kinderschutz will Papst Franziskus den Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vorantreiben. Die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen sind von 21. bis 24. Februar nach Rom geladen, ebenso wie die Leiter zahlreicher Ordensgemeinschaften. Aus Österreich nimmt der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn an der Tagung teil.

Großes Anliegen von Papst Franziskus

„So etwas hat es noch nie gegeben. Es ist von der Form her fast wie eine außerordentliche Bischofssynode - obwohl es keine Synode ist“, kommentiert die Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer im Gespräch mit der APA. Die österreichische Mitarbeiterin des vatikanischen Medienportals Vaticannews unterstreicht, was für ein großes Anliegen diese Sache dem Papst ist und erinnert daran, dass Franziskus seit einiger Zeit sogar wöchentlich einen Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Kirche trifft. Auch beim Kongress in Vatikan selbst sollen Missbrauchsopfer zu Wort kommen.

Das Treffen soll nach Angaben der Organisatoren vor allem dem Zweck dienen, weltweit einheitliche Prinzipien für den kirchlichen Umgang mit Missbrauch zu implementieren. „Der Zweck des Treffens ist sehr konkret: Nämlich sicherzustellen, dass jeder Teilnehmer in sein Land zurückkehren kann, und sich vollkommen klar darüber ist, was getan - und nicht getan - werden muss in solchen Fällen“, erklärte Andrea Tornielli, Mediendirektor des Papstes, Anfang des Jahres dazu in der Vatikan-Zeitung Osservatore Romano.

Keine „Einheitslösung“ erwarten

Gleichzeitig warnte der Jesuit Hans Zollner, Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana und einer der Mitorganisatoren der Konferenz, im Vorfeld davor, eine „Einheitslösung“ für die gesamte Weltkirche zu erwarten. Vielmehr verwies er auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und auch auf das sehr unterschiedlich ausgeprägte Bewusstsein für die Problematik in den verschiedenen Ländern. Der frühere Papstsprecher Federico Lombardi, der die Konferenz moderieren soll, hat diesbezüglich jüngst in der Zeitschrift La Civilta Cattolica davor gewarnt, Missbrauch bloß als Problem des „Westens“ anzusehen. Finde da kein Umdenken statt, „wird sich die Kirche mit einer Krise nach der anderen konfrontiert sehen“.

Wer kontrolliert die, die kontrollieren sollen?
Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer

Auch Sailer gab gegenüber der APA zu bedenken, dass es sehr unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten in der Kirche gebe und in manchen Regionen der Welt Missbrauchsfälle auch noch fast unbekannt seien. „Das Anliegen des Papstes ist, dass den Bischofskonferenzen klar werden muss, dass der Kinderschutz dauerhaft unaufgebbar ist. Das muss durchsickern.“ Andererseits sei das Bewusstsein für die Problematik etwa in Lateinamerika - ausgehend von den Skandalen in Chile - in jüngerer Zeit deutlich gewachsen, erinnerte sie.

Ein besonderes Thema sei dabei die Verantwortung der Bischöfe und die Kontrolle darüber: „Wer kontrolliert die, die kontrollieren sollen?“ fragt Sailer. Kongress-Mitorganisator Zollner hat bereits angekündigt, dass ein ganzer Tag der Veranstaltung der Verantwortlichkeit der Bischöfe gewidmet werden soll.

Schönborn-Appell: Missbrauchsopfern zuhören und glauben

Kardinal Christoph Schönborn hat im Vorfeld des Kongresses in einer Video-Botschaft dazu aufgerufen, den Opfern von Missbrauch zuzuhören und ihnen zu glauben. Er erwarte sich eine „große kulturelle Veränderung“ in diesem Bereich, so Schönborn. Der Papst hat laut Kathpress alle Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aufgefordert, mit Opfern von Missbrauch zusammenzutreffen. Jeder Bischof sollte dann von seinen Erfahrungen aus dem Gespräch in einem zweiminütigen Video berichten, das im Voraus an den Papst zu senden war.

„Ich habe in den letzten 30 Jahren mit vielen Missbrauchsopfern gesprochen“, sagte Kardinal Schönborn in seiner Botschaft an den Papst. Das Wichtigste, das er gelernt habe, sei das Zuhören. Die Schwelle der Angst sei bei den Opfern sehr groß und viele würden sehr lange - „oft 20, 30 Jahre“ - brauchen, bis sie in der Lage sind, über den Missbrauch zu sprechen. „Die entscheidende Frage ist, ob wir ihnen glauben“, betonte der Wiener Erzbischof. Missbrauchsopfer hätten zu oft die Erfahrung gemacht, dass sie zur Seite geschoben werden und ihnen nicht geglaubt wird.

Besonders schmerzlich sei es, vom geistlichem Missbrauch zu hören, so der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz. Dramatisch verschärft werde die Situation von Missbrauchsopfern, wenn Priester „den Namen Gottes, den Namen Jesu benützen, um Angst zu machen“. „Sie wurden vom Täter nicht nur mit der Angst vor ihm, sondern auch mit der Angst vor Gott infiziert“, so Schönborn. Diese Angst zu überwinden sei eine der schwierigsten Schwellen. Deshalb sei es so notwendig, dass die Opfer „die Zuwendung der Kirche, die Ehrlichkeit des Zuhörens und das Vertrauen, das Glaubenschenken“, erfahren können, sagte der Kardinal.

Laut Kathpress erklärte Schönborn darüber hinaus, es sei die richtige Strategie von Papst Franziskus gewesen, von den Bischöfen ein Zusammentreffen mit Missbrauchsopfern und eine Reflexion einzufordern. Dass sich Bischöfe aus allen Kulturen dem Thema öffnen müssen, „das verändert eine Kultur, das ermutigt Opfer zu reden, das warnt Täter vor Missbrauchshandlungen, und das weckt die Verantwortung der Hirten, nicht wegzuschauen und nicht zu vertuschen“, so Schönborn.

Das „Gesetz des Schweigens“ sei global gesehen noch sehr weit verbreitet, so der Wiener Erzbischof. In Österreich habe man sich aber nach der großen Welle der Aufdeckung von Missbrauchsfällen 2010 und in Ansätzen auch schon 1995 sehr bemüht, „ehrlich und wahrhaftig zu sein, nichts zu vertuschen, Schutz- wie Präventionsmaßnahmen wirklich umzusetzen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen“.

Jetzt, so Kardinal Schönborn, habe man den Eindruck, das Thema sei globalisiert. „Ich glaube, so schmerzlich es ist, es ist auch eine Chance. Ich erwarte mir eine große kulturelle Veränderung.“ Beim Thema Missbrauch, Autoritätsmissbrauch, sexueller Missbrauch sei man - im Gegensatz zur ehemals praktizierten „schwarzen Pädagogik“ an einem Kulturwandel erst dran. „Das ist ein Kulturwandel, der die ganze Gesellschaft ergreifen wird, und das ist gut so“, sagte Schönborn.

Missbrauchsskandal seit Jahrzenten Thema im Vatikan

Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche bereits seit Jahrzehnten. Nachdem in den 1980er Jahren erste Fälle in den USA bekannt geworden waren, wurde das Thema während der 1990er Jahre auch in den Medien immer präsenter - in Österreich vor allem durch die Vorwürfe gegen den Wiener Erzbischof Kardinal Hans-Hermann Groer im Jahr 1995. Insbesondere wurde Bischöfen vorgeworfen, die Taten vertuscht oder Beschuldigte im kirchlichen Dienst belassen zu haben. Seit 2001 ist auf Betreiben von Kardinal Joseph Ratzinger, des späteren Papstes Benedikt XVI., die vatikanische Glaubenskongregation für die kirchlichen Strafverfahren aller Kleriker in Missbrauchsfällen verantwortlich.

Das Bewusstsein für das Ausmaß des Problems verstärkte sich weiter ab 2002 mit dem Skandal in der US-Erzdiözese Boston, der zum Rücktritt von Erzbischof Bernard Law führte, 2009 mit dem Bericht über Misshandlungen und Missbrauch durch katholische Geistliche in Irland in Erziehungsanstalten (Ryan-Report) sowie 2010 durch die Enthüllungen über Missbrauch an mehreren katholischen Schulen in Deutschland. (APA/TT.com)

Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche

Seit wann weiß man von dem Missbrauch?

Die ersten Fälle wurden Mitte der 1980er Jahre in den USA bekannt, doch erst langsam etablierte sich ein Bewusstsein dafür. In den USA und Irland wurden 1996 strengere kirchliche Richtlinien für den Umgang mit Missbrauch eingeführt, anderswo in Europa zum Teil erst in den 2000er Jahren. Die meisten Fälle sind bisher aus den USA, Australien sowie aus westeuropäischen Ländern bekannt, doch man geht davon aus, dass sich früher oder später auch Länder der Dritten Welt vermehrt mit dem Problem konfrontiert sehen werden. In Lateinamerika ist das zum Teil schon der Fall.

Was war das Problem mit dem Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche?

Der Hauptvorwurf an die zuständigen Bischöfe lautet, dass sie Taten vertuschten bzw. nicht entschieden - insbesondere mit Strafanzeigen und kirchenrechtlichen Bestrafungen - gegen die Täter vorgingen; sie insbesondere oft in Positionen beließen, wo sie weiterhin in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen konnten. Manche Beschuldigte wurden auch - häufig nach Rücksprache mit Therapeuten - an andere Dienstorte oder in andere Diözesen versetzt. Zuweilen wurden die Opfer dazu angehalten, über die Taten nach außen Schweigen zu bewahren und keine Anzeige zu erstatten.

„Es ist wahr, dass eine allgemein mangelhafte Kenntnis der Natur des Problems und auch mitunter der Rat von Fachärzten die Bischöfe zu Entscheidungen veranlasst haben, die sich aufgrund nachfolgender Ereignisse als falsch erwiesen. Ihr seid jetzt dabei, verlässlichere Kriterien auszuarbeiten, um sicherzustellen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen“, fasste Papst Johannes Paul II. 2002 vor US-Bischöfen die Problematik zusammen.

Besonders schwierig war die Situation von Kindern in Internaten und Heimen, wo sie zuweilen sogar mehreren Tätern hilflos ausgeliefert waren. Doch auch in den Familien, die häufig stark kirchlich gebunden waren, glaubte man den Opfern oft nicht. „Behaupte nicht so schlimme Sachen, das macht der Herr Pfarrer nicht!“ habe man da etwa auf Anschuldigungen geantwortet, erinnert der Mannheimer Psychiater Harald Dreßing, Leiter der 2018 veröffentlichten Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland (MHG-Studie), im Gespräch mit der APA.

„Die Kirche hat den Schutz der Institution viel zu lang über den Schutz der Kinder gestellt“, sagt die österreichische Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer gegenüber der APA. Der vatikanische Kinderschutzexperte Hans Zollner schrieb von einer „Bunkermentalität“. Allerdings ist nach wie vor weitgehend unerforscht, inwieweit ein derartiges Vorgehen - etwa die Bevorzugung von Therapie für den Täter statt einer Strafanzeige - in der damaligen Zeit auch in anderen, nichtkirchlichen Institutionen verbreitet war. Im Bericht der Royal Commission über Missbrauch in Institutionen in Australien berichteten 36 Prozent der Betroffenen von Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche, 32 Prozent von Missbrauch in staatlichen Einrichtungen.

War der sexuelle Missbrauch hauptsächlich in früheren Jahrzehnten ein Problem?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Die bekanntesten Fälle gehen auf die 1960er-1980er Jahre zurück. In der John-Jay-Studie (2004), die Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA untersuchte, stieg die Kurve der bekannten Missbrauchsfälle in den 1960er Jahren steil an; seit Mitte der 1980er Jahre ist demnach eine deutliche Abnahme zu verzeichnen. Dreßing kann einen so starken Rückgang allerdings im Gespräch mit der APA „nicht bestätigen“ - vor allem, wenn man die abnehmende Zahl der Taten mit der abnehmenden Zahl der Priester in Bezug setzt: „Die Quote ist gleich geblieben.“ Im Untersuchungszeitraum der MHG-Studie von 1946 bis 2014 habe es in den Akten der Diözesen sehr wohl auch Meldungen neuerer Taten - bis in die Gegenwart hinein - gegeben. Allerdings gibt es heute zumindest in der katholischen Kirche in den westlichen Ländern ein deutliches Bewusstsein für die Schwere der Taten, sowie Meldestellen, Missbrauchsbeauftragte und Präventionsschulungen.

Wie ging und geht der Vatikan mit dem Problem um?

Die römische Kurie dürfte dieses in früheren Jahrzehnten mehr als innere Angelegenheit der Diözesen betrachtet haben. Was die Päpste betrifft, so dürfte Johannes Paul II. nach Aussage der Vatikan-Journalistin Sailer das Thema zumindest in den ersten Jahren seines Pontifikates nicht in seiner Schwere erkannt haben. Sailer erinnert daran, dass der polnische Papst solche Vorwürfe aus seiner Heimat vor allem in Form von Verleumdungen der Nationalsozialisten und Kommunisten gegen die Kirche kannte. „Er hatte aber Kardinal (Joseph) Ratzinger zur Seite“, erinnerte sie: „Dieser hat sehr gut Bescheid gewusst über die Tragik.“ Ratzinger, lange Jahre Leiter der Glaubenskongregation, setzte sich dafür ein, dass die Strafverfahren gegen Priester wegen Missbrauchs in Rom geführt werden. Seit 2001 ist die Glaubenskongregation dafür zuständig. „Das sollte dazu dienen, dass die Fälle nicht unter den Teppich gekehrt werden können“, so Sailer. Johannes Paul II. stellte 2002 vor US-Bischöfen klar: „Im Priestertum und Ordensleben ist kein Platz für jemanden, der jungen Menschen Böses tun könnte.“

Als Benedikt XVI. war Ratzinger der erste Papst, der sich mit Missbrauchsopfern traf - im April 2008 anlässlich eines USA-Besuches in Washington. Solche Treffen wurden auch unter seinem Nachfolger Franziskus zu einem Fixpunkt von Papstreisen. „Aber Franziskus macht noch mehr“, so die Vatikan-Expertin. Sie erinnert daran, dass er sich nun regelmäßig mit Missbrauchsopfern trifft und ihnen zuhört. Auch der nun stattfindende Kongress mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen gehört zum Bestreben, den Kampf gegen Missbrauch effizienter zu führen.

Wer sind die Täter? Was sind die Beweggründe für ihre Taten?

Beim Missbrauchsskandal fokussiert die Aufmerksamkeit vor allem auf die Taten von Priestern und Ordensleuten. Die Studien stellen fest, dass rund vier Prozent der Priester der untersuchten Zeiträume als Beschuldigte von sexuellem Missbrauch aufscheinen. Einigkeit herrscht weitgehend auch darüber, dass nur ein kleiner Teil der Täter im engeren Sinn als pädophil diagnostizierbar ist. Deutlich war allerdings die Verbindung der Missbrauchshandlungen mit weiteren Problemen des Täters wie Alkoholismus, Depressionen, Vereinsamung oder sozialen Schwierigkeiten.

Die Täter waren im Durchschnitt bei der Ersttat Ende Dreißig; diese wurde im Durchschnitt 14 Jahre nach der Priesterweihe begangen. „Es wird ja niemand Priester, damit er sich nachher an Kindern vergreifen kann“, kommentiert Sailer.

Zwei Drittel der Opfer waren männlich. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu Missbrauch im Familienkontext, wo die überwiegende Zahl der Betroffenen weiblich sind, entspricht aber den Zahlen in anderen Institutionen - etwa Schule oder Heimen -, wie sie etwa die Royal Commission in Australien festgestellt hat. Auch der Ryan-Bericht in Irland hielt fest, dass nur in den Erziehungsheimen für Buben systematisch und häufig sexueller Missbrauch stattgefunden hat, der meist auch nicht geahndet wurde.

Ist der Zölibat an allem schuld?

Über diese heikle Frage gehen die Meinungen auseinander. Einig sind sich die Forscher zwar weitgehend darüber, dass der Zölibat allein für sich genommen keine Ursache für den Missbrauch darstellt. Unterschiedliche Ansichten gibt es hingegen darüber, ob die zölibatäre Lebensform für bestimmte Personen unter Umständen einen Risikofaktor darstellen kann. „Der Zölibat hat eine magnetische Anziehungskraft auf junge Männer, die unreif sind, sich mit ihrer Sexualität nicht richtig auseinandersetzen, die ihre Homosexualität vielleicht verleugnen“, sagt Dreßing dazu. Andere Experten wie die deutschen Psychiater Norbert Leygraf und Hans-Ludwig Kröber - die selbst eine Studie über das Profil der beschuldigten Priester verfasst haben - argumentieren hingegen, dass zölibatär lebende Männer statistisch gesehen deutlich seltener pädosexuelle Taten begingen als nicht-zölibatär lebende.