Letztes Update am Fr, 08.03.2019 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weltfrauentag

Renée Schroeder: „Gott ist eine Erfindung der Männer“

Das Frauenbild der katholischen Kirche trage dazu bei, Frauen bis heute zu unterdrücken, sagt die Wissenschafterin Renée Schroeder. Sie kann gar nicht verstehen, warum Frauen überhaupt in die Kirche gehen.

Männer, die nicht zur Reproduktion beitragen, sollten schon gar nicht mitreden, wenn es um Abtreibung gehe, meint Forscherin Schroeder.

© CicciaMänner, die nicht zur Reproduktion beitragen, sollten schon gar nicht mitreden, wenn es um Abtreibung gehe, meint Forscherin Schroeder.



Inwieweit prägen monotheistische Religionen heute das Frauenbild in unserer Gesellschaft?

Renée Schroeder: Was ich an der katholischen Kirche nicht mag, ist das Bild der leidenden Frau, je mehr sie leidet, desto reiner ist sie. Frauen sind im Besitz des Mannes, sollen schweigen und das ertragen. Mich wundert es, dass Frauen überhaupt in die Kirche gehen.

Das biblische Frauenbild kennt die Hure Magdalena, und die heilige Jungfrau. Das macht es für Frauen auch nicht einfacher.

„Sich nur auf die Familie zu konzentrieren, war vielleicht noch um 1900 lebensfüllend, als die Lebenserwartung unter 40 Jahren war.“
Renée Schroeder
(Forscherin)
„Sich nur auf die Familie zu konzentrieren, war vielleicht noch um 1900 lebensfüllend, als die Lebenserwartung unter 40 Jahren war.“ Renée Schroeder
(Forscherin)
- Thomas Boehm / TT

Schroeder: Der genetische Beitrag der Frau bei der Geburt wurde auch von der Wissenschaft jahrtausendelang verneint. Man ging davon aus, dass im Samen des Mannes der fertige Mensch, der Homunkulus, enthalten sei. Daher kommt die Idee, dass der Mann der Macher ist und die Frau nur die Nährfunktion für das Kind hat. Dass der Mann der Frau überlegen sei, war archaisch und wurde in den monotheistischen Religionen verankert und auch von Staaten übernommen. Es war praktisch, eine clevere Strategie, aber bösartig. Die Erkenntnis, dass der Beitrag der Frau sogar größer als der der Männer ist, ist relativ jung.

Sie vertreten eine radikale Ansicht ...

Schroeder: Das ist nicht radikal. Frauen sind gleich viel wert wie Männer und in den Religionen sind sie es eben nicht. Jemandem zu sagen, es gibt ein Leben nach dem Tod, deshalb ist es nicht so schlimm, wenn du jetzt leidest, ist Betrug. Himmel und Hölle und der Teufel, das sind alles religiöse Ideen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass heutzutage noch irgendwer daran glaubt. Wenn der Papst nach dem Missbrauchsgipfel in Rom sagt, das war der Teufel. Dann muss man sagen, Nein, es war nicht der Teufel, es waren die Priester.

Sie sind Atheistin, weil Sie Naturwissenschafterin sind, oder ist diese Überzeugung schon früher die Ihre gewesen?

Schroeder: Ich war erleichtert, als ich erkannte, Gott gibt es eh nicht. Das stellte ich schon mit acht oder neun Jahren fest. Gott ist eine Erfindung der Männer. Der Mensch ist nicht Gottes Ebenbild, aber Gott ist der Männer Ebenbild. Das ist offensichtlich.

Mit Ihren Aussagen stoßen Sie viele Menschen vor den Kopf. Wie gehen Sie damit um?

Schroeder: Ist das so? So oft rede ich darüber nicht. Ich werde immer wieder befragt, weil es offensichtlich wenige bekennende Atheisten gibt, wenige, die sich trauen, es zuzugeben. Als wäre das so etwas Schlimmes. Die meisten der fünf Millionen Katholiken glauben ohnehin nicht an Gott. Sie nehmen das gar nicht ernst und kennen auch die Bibel nicht gut. Schauen Sie mal, wie lange in der katholischen Religion alles auf Latein war.

Bis Martin Luther die Bibel übersetzte und die Buchdruckerkunst für Verbreitung sorgte.

Schroeder: Davor haben die Menschen gebetet und gar nicht verstanden, was sie da sagen. Das ist übrigens im Koran auch so. Jemand, der Farsi, also Persisch, spricht, lernt den Koran auf Arabisch. Auch bei türkischen Kindern ist das so. Das wird schon bewusst von den Religionen gemacht, damit die Leute gar nicht verstehen, was sie da beten.

Das Frauenbild in der evangelischen Kirche ist ein moderneres. Trotzdem ist die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Deutschland, wo der Protestantismus verbreiteter ist, gleich groß wie in Österreich. Überschätzen Sie den Einfluss der Kirche?

Schroeder: Das Frauenbild in der evangelischen Kirche ist weniger sexistisch, aber erst seit Kurzem. Aber zur Ungleichstellung der Frau trägt stark die Frage bei, ob Frauen selbst entscheiden können, wie viele Kinder sie bekommen wollen. Diese Frage ist in der römisch-katholischen Kirche immer sehr zentral. Dabei sollten Männer, die im Zölibat leben und nicht zur Reproduktion beitragen, hier schon gar nicht mitreden. Bischöfe wollen Frauen vorschreiben, ob sie Kinder oder behinderte Kinder zur Welt bringen sollen oder nicht? Das ist eine Überheblichkeit. Und was ist das für eine Moral, wenn Priester ein elfjähriges Mädchen, wie jetzt in Argentinien, nach einer Vergewaltigung daran hindern wollen, abzutreiben?

Sie waren Mitglied der Bioethik-Kommission. Dort dreht es sich um solche Fragen. Wieso darf die stärker mitreden als die Religion?

Schroeder: Ich finde, beim Thema Abtreibung ist es einzig und allein die Frau, die entscheiden soll. Die Empfängnisverhütung und damit die Entkoppelung der Sexualität von der Reproduktion ist eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Damit können sich Frauen entscheiden, wie viele Kinder sie haben wollen und alle Kinder sind Wunschkinder. Das ist doch ein schöner Gedanke. Ich finde, es ist an der Zeit, dass akzeptiert wird, dass auch ein Leben ohne Kinder lebenswert gestaltet werden kann. Kinder zu bekommen, war einmal notwendig, damit die Menschheit überlebt, heutzutage ist genau das Gegenteil der Fall. Wir leiden an Überbevölkerung, wenn wir es global sehen.

Wir erleben bei uns trotz des hohen Bildungsniveaus bei Frauen eine Rückbesinnung auf die Familie.

Schroeder: Das war vielleicht noch um 1900 lebensfüllend, als die Lebenserwartung unter 40 Jahren war. Da haben Frauen tatsächlich die meiste Zeit ihres Erwachsenenlebens mit der Reproduktion und der Kindererziehung verbracht. Aber heute ist die Lebenserwartung über 80. Das heißt, da kann man vom Leben mehr erwarten. Allein schon deshalb müssen Frauen etwas finden, was in ihrem Leben, abseits der Reproduktion, Sinn und Freude macht.

Das Gespräch führte Anita Heubacher

Steckbrief

Die mehrfach ausgezeichnete Forscherin und Universitätsprofessorin Renée Schroeder lehrt am Institut für Biochemie in Wien. 2001 bis 2005 gehörte sie der Bioethik-Kommission an. Sie engagiert sich für die Förderung von Frauen in der Wissenschaft und ist zweifache Mutter. Politisch engagiert sie sich für die Liste Jetzt.