Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.04.2019


Tirol

Kampf um die Barrierefreiheit in neu gebauten Wohnungen

Behindertenvertreter betonen, wie wichtig es sei, dass 100 Prozent der neu gebauten Wohnungen barrierefrei sind. Als Kostentreiber wollen sie die Quote nicht sehen.

Volker Schönwiese meint, es gebe schon genug Hürden für Rollstuhlfahrer. Die Quote sei unantastbar.

© Andreas Rottensteiner / TTVolker Schönwiese meint, es gebe schon genug Hürden für Rollstuhlfahrer. Die Quote sei unantastbar.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Seit den 70er-Jahren ist Volker Schönwiese für die Interessen von Menschen mit Behinderung im Einsatz. Für die TT hat er vor einigen Jahren gezeigt, mit welchen Hürden Rollstuhlfahrer in Innsbruck zu kämpfen haben (siehe Bild). Barrieren gebe es genug. Schönwiese sitzt auch im Monitoringausschuss des Landes, der die Rechte von Menschen mit Behinderung überwacht.

Der Ausschuss ist alarmiert, hatten doch Vertreter der Wirtschaftskammer und der Neuen Heimat Tirol laut darüber nachgedacht, ob tatsächlich neu gebaute Wohnungen zu hundert Prozen­t barrierefrei sein müssten. In Deutschland liege die Quote teils bei 25 Prozent, in anderen österreichischen Bundesländern sei sie auch niedrige­r als in Tirol, wo 100 Prozent vorgesehen sind. Die Wendekreise mit eineinhalb Meter Durchmesser in allen Wohnungen zu berücksichtige­n, treibe den Flächenbedarf um acht Prozent in die Höhe. Noch dazu käme, dass breite Gänge und rollstuhlgerechte Badezimme­r weniger Platz für Kinder- oder Wohnzimmer brächten, hatte Markus Pollo, Geschäftsführer der Neuen Heimat Tirol, gemeint. Auch die Wirtschaftskammer Tirol will über die Höhe der Quote diskutieren. 100 Prozent der Wohnungen barrierefrei auszustatten, heize die ohnehin schon hohen Baukosten an.

Schönwiese wischt diese Argumente vom Tisch. „Vier Prozent der Wohnungen in Tirol sind barrierefrei. Es ist sehr schwer für Betroffene, eine Mietwohnung zu finden.“ Er selbst habe zehn Jahre gebraucht, um eine passende Wohnung zu ergattern. „Wenn 50 Prozent des gesamten Wohnbestandes in Tirol barrierefrei sind, kann man allenfalls über die Quote reden.“ Eine Auffassung, die auch Innsbrucks SPÖ-Stadträtin Elisabeth Mayr und die Vorsitzende des Behindertenbeirates der Landeshauptstadt, Elisabeth Rieder, teilen. Rieder ist Rollstuhlfahrerin. „Barrierefreies Bauen ist kein Gnadenakt“, meint sie. Die Mehrkosten für barrierefreies Bauen seien gering. Mayr und Rieder verweisen auf eine Studie der ETH Zürich, die die Mehrkosten auf 0,4 Prozent berechnet, wenn Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werde.

Mayrs Parteifreundin, SPÖ-Klubobfrau im Landtag Elisabeth Blanik, selbst Bürgermeisterin und gelernte Architektin, sieht hingegen die Quote in Anbetracht der Baukosten nicht in Stein gemeißelt.

Schönwiese verweist darauf, dass Barrierefreiheit nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch ältere Menschen mit Rollatoren bräuchten. „Jeder ist betroffen, entweder selbst oder in der Familie. Die Pflegebedürftigkeit nimmt zu.“ Es sei also nicht die Frage, wie viele Menschen tatsächlich im Rollstuhl sitzen würden.

Tatsächlich ist diese Frage schwer bis gar nicht zu beantworten. Beim Bundessozialamt sind laut eigenen Angaben 50 Prozent der Klienten in ihrer Mobilität eingeschränkt, das heißt aber nicht, dass alle im Rollstuhl sitzen. Der Bundesverband für Menschen mit Behinderung, kurz ÖZIV, vertritt in Tirol 2200 Mitglieder, österreichweit sind es 22.000. „Es gibt keine Zusammenführung der Statistik“, erklärt Hannes Lichtner, ÖZIV-Geschäftsführer in Tirol. Laut Umfragen würden 14 Prozent der Bevölkerung unter Mobilitätseinschränkungen leiden, vier Prozent hätten schwere Probleme, sagt Lichtner. Auch er meint, dass durch das Immer-älter-Werden der Bevölkerung der Bedarf an barrierefreien Wohnungen steigen werde. „Im Notfall die Wohnungen umzubauen, ist oft schwer möglich.“ Der zuständige ÖVP-Landesrat Johannes Tratter verweist auf den anpassbaren Wohnraum. Der sieht Zwischenwände vor, die leicht entfernbar sind.

Schönwiese wünscht sich von Tratter, dass auch im Bereich der Eigenheime die Regeln in der Bauordnung adaptiert werden. Eine 100-Prozent-Barrierefreiheit im Eigentumsbereich fordert Schönwiese nicht, aber: „Man könnte die Wohnbauförderung daran knüpfen, ob jemand zu 100 Prozent barrierefrei baut oder nicht.“ Die Gemeinde könne Häuslbauer darüber hinaus entsprechend beraten.