Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.04.2019


Osttirol

Erstmaliger Nachweis eines römischen Grabbaus in Tirol

Vor dem Portal der Nikolauskirche in Matrei hat ein Grabungsteam Fundamente eines gemauerten Grabbaus aus der Römerzeit freigelegt.

Vor dem Portal der Nikolauskirche haben die Archäologen die Grundmauern zweier Vorgängerbauten und die Fundamente eines Grabbaus aus römischer Zeit freigelegt.

© Christoph BlassnigVor dem Portal der Nikolauskirche haben die Archäologen die Grundmauern zweier Vorgängerbauten und die Fundamente eines Grabbaus aus römischer Zeit freigelegt.



Von Christoph Blassnig

Matrei i. O. – Die Erwartungen waren bescheiden, umso größer ist die Freude beim Archäologenteam, sagte Grabungsleiter Florian Martin Müller. Eigentlich ging es um die Freilegung, Vermessung und wissenschaftliche Erfassung von zwei Vorgängerbauten der Nikolauskirche. Dabei ist den fünf Wissenschaftern in den letzten zwei Wochen der in Tirol bisher einmalige Nachweis eines gemauerten römischen Grabbaus aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus gelungen.

„Damit sind 1800 Jahre Geschichte an diesem Platz belegt“, erklärte Müller vor Ort bei der Präsentation der Ergebnisse. Die heutige Nikolauskirche stammt aus dem 12. Jahrhundert. Auf das 10. bis 11. Jahrhundert datierten Forscher früherer Grabungen die Fundamente eines Vorgängerbaus des Gotteshauses, angelegt etwas westlich vor dem jetzigen Portal. Noch älter sind die Fundamente des ersten christlichen Sakralbaus an dieser Stelle, der aus dem 9. bis 10. Jahrhundert stammte.

„Es ist nicht klar, warum in so kurzer Zeit gleich dreimal eine Kirche an diesem Ort errichtet worden ist, jeweils nur wenige Meter weiter nach Osten gerückt“, sagte Müller. Der Professor am Institut für Archäologie in Innsbruck zeigte am Verlauf der freigelegten Fundamente, wo die Vorgängerbauten der Nikolauskirche einst errichtet worden waren. Umfasst von den Grundmauern des ältesten und kleinsten Baus stießen die Forscher nun auf die Reste eines gemauerten Grabes aus römischer Zeit.

„Man kann von einem quadratischen Grundriss der Grabanlage ausgehen, bei einer Seitenlänge von dreieinhalb bis vier Metern. In einer früheren Grabung haben wir bereits die zugehörige Urne samt Grabbeigaben geborgen“, erläuterte der Archäologe. Etliche Funde fingernagelgroßer Münzen, Bruchstücke einer Gewandnadel und Keramikteile ließen eine Datierung auf das 2. Jahrhundert in römischer Zeit zu.

„Den Bau eines gemauerten Grabes in dieser Größe muss eine bedeutende Person oder Familie in Auftrag gegeben haben“, meinte der Archäologe. Dass die Mauerreste so viele Jahrhunderte unbeschadet überstanden haben, sei ohnedies erstaunlich, sagte Müller. „Vor allem, weil ein Stein der zweiten Kirche direkt aus dem Boden ragte. An dieser Stelle wurden eintausend Jahre Geschichte vor unseren Füßen sichtbar.“




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