Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.04.2019


Tirol

Zu mehr Inklusion auf (un)sichtbaren Wegen in der Lebenshilfe Tirol

Die Lebenshilfe Tirol lässt ihren Standort im Stadtteil Pradl nach beinahe 50 Jahren auf und leitet einen Strukturwandel ein.

Dutzende Klienten und Bewohner wurden in der Lebenshilfe-Einrichtung am Domanigweg in Innsbruck beinahe 50 Jahre lang täglich bekocht. Anfang Februar schloss die Einrichtung ihre Tore.

© Lebenshilfe TirolDutzende Klienten und Bewohner wurden in der Lebenshilfe-Einrichtung am Domanigweg in Innsbruck beinahe 50 Jahre lang täglich bekocht. Anfang Februar schloss die Einrichtung ihre Tore.



Innsbruck – Bis auf ein paar Umzugskartons sind die Räume leer. Nur noch graue Umrisse lassen vermuten, dass einmal Schränke, Spiegel, Bilder an den kahlen Wänden hingen. Im großen, weißen Haus am Domanigweg 3 in Innsbruck erinnert nichts daran, dass bis vor zwei Monaten noch Menschen hier gewohnt und gearbeitet haben. Die Lebenshilfe Tirol lässt ihren Standort im Stadtteil Pradl auf, nach beinahe 50 Jahren. Es ist ein Abschied, der landesweit einen Strukturwandel in der Betreuung von Menschen mit Behinderung einleitet.

„Aus einem Mietvertrag wurden sechs“, sagt Georg Willeit, Direktor der Tiroler Lebenshilfe. Die Bewohner der Wohngruppen am Domanigweg sind jetzt in drei verschiedenen, auf die ganze Stadt verteilten Häusern untergebracht – in Zweier-WGs oder Garconnieren. Auch gearbeitet wird nicht mehr in einem großen Raum, sondern an drei verschiedenen Orten. All das soll die Wohn-, Arbeits-, Lebensqualität steigern und die Inklusion in die Gesellschaft fördern.

Willeit will „weg vom Heim-Charakter, hin zu einem Miteinander mit Herrn und Frau Nachbar. Weg vom Werkeln in quasi geschlossenen Werkstätten, hin zur Arbeit mit und neben anderen Firmen.“ Ein, wie er sagt, österreichweit „sehr revolutionäres Unterbringungsprojekt“.

„Die Zuschreibung der Organisation an ein bestimmtes Haus müssen und werden wir aufbrechen.“
Georg Willeit 
(Direktor Lebenshilfe)
„Die Zuschreibung der Organisation an ein bestimmtes Haus müssen und werden wir aufbrechen.“ Georg Willeit 
(Direktor Lebenshilfe)
- Lebenshilfe/Friedle

Im Jahr 2018 hat die Lebenshilfe 995 Menschen im Bereich Arbeit und 345 im Sektor Vollzeit-Wohnen betreut. 608 Menschen lebten selbstständig und bekamen bei Bedarf Unterstützung eines Lebenshilfe-Mitarbeiters. Außerdem kam 587 Kindern und ihren Familien eine Frühförderung zugute.

Das Haus am Domanigweg hat für den Direktor des Lebenshilfe „gewissermaßen Symbolcharakter. 1970 wurde hier erstmals mit Menschen mit Behinderung gearbeitet, vorher waren sie in einem dunklen Keller untergebracht. Sie wurden aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare geholt“, erzählt Willeit. Jetzt sei es Zeit für den nächsten Schritt: „Viele verbinden die Lebenshilfe mit einem ganz bestimmten Ort. Mit Inklusion hat das wenig zu tun. Die Zuschreibung der Organisation müssen und werden wir aufbrechen. Quasi vom Sichtbaren wieder zurück ins Unsichtbare.“ Wobei laut Willeit „unsichtbar“ in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit „ein normaler Teil der Gesellschaft“ sei. Mit einem höheren Personalaufwand oder mehr Kosten sei das neue Modell nicht verbunden.

In Innsbruck begann die Umstrukturierung, Wohnheime und Werkstätten in Landeck, Oberndorf, Ramsau im Zillertal und in Lienz sollen bald folgen. Dass das Konzept funktioniert, weiß Angelika Obermair, Lebenshilfe-Regionalleiterin in Innsbruck: „Viele unserer Klienten sind inzwischen selbstständiger und daher auch glücklicher.“ (bfk)